2007 - 2009

Peter Schreier fordert Konzerthaus
Jubiläum. Der falsche Mythos vom Schauspielhaus
Talkshow-Premiere auf dem Riverboat
 Illegale Lehrjahre bei einer Knusperhexe
Gestatten: Schreier, Sänger
«Meistersinger» als «Lehrmeister»
Ohne Talent kein Preis
Schreier stimmte Studierende ein
Unermüdlich feilen am Alleluja
Meisterkurs / master class Bach, Gloppen Musikfest
Leipzigs „forum thomanum“ kommt voran
Der „Rosen“-Tenor wäre ich zu gern gewesen
Vorn steht kein Diktator
Bachs Botschafter


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Mitteldeutsche Zeitung 20.11.2009
Peter Schreier fordert Konzerthaus
Prominenten Musikern reicht Kulturpalast-Umbau nicht aus - Stiftung geplant

Dresden. Freude schöner Götterfunken. Mit der auf der Geige gespielten 9. Sinfonie Beethovens versuchte am Donnerstagabend der Erste Konzertmeister der Dresdner Philharmonie, Wolfgang Hentrich, den Dresdner Stadtrat für den Umbau des Kulturpalastes zu begeistern. Bei einer Expertenanhörung im Rathaus hatte ihn die CDU genau dafür ins Rennen geschickt. Die Linke bot mit Peter Schreier einen international renommierten Tenor und Dirigenten auf, der anstelle des Umbaus für ein neues, eigenständiges Konzerthaus eintrat - und mit dieser Meinung längst nicht der einzige prominente Musiker ist.

Dabei will Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) lieber heute als morgen ihr Wahlversprechen einlösen und die ersten Planungsleistungen für den Umbau des Kulturpalastes vergeben. Bereits im Juli 2008 hatte der Stadtrat grundsätzlich für einen Umbau des maroden Veranstaltungshauses am Altmarkt gestimmt - gegen den Willen von SPD und Linker. Für rund 65 Millionen Euro soll im Kulturpalast ab 2012 ein moderner Konzertsaal entstehen.

SPD und Linke wollen dagegen den bisherigen Multifunktionssaal erhalten. Schreier setzte sich vor dem Stadtrat vehement für den Bau eines neuen Konzerthauses in Dresden ein. «Ich spreche hier nicht für irgendein Orchester», sagte der 74-Jährige, «ich spreche für Dresden.» Die Bedeutung der Stadt in der weltweiten Kulturszene hänge in hohem Maße vom Ambiente ihrer Einrichtungen ab. Auch deshalb hätten alle großen Orchester in den vergangenen Jahren einen Bogen um Dresden gemacht.

Ein neues, modernes Konzerthaus für die Dresdner Philharmonie und die Sächsische Staatskapelle sei daher kein Luxus, sondern unbedingt nötig. Der Wiederaufbau der Frauenkirche habe bewiesen, dass Großes innerhalb kurzer Zeit realisiert werden könne, sagte Schreier, der unter anderem die Berliner Philharmoniker, die Hamburger Symphoniker, die Dresdner Staatskapelle und das Los Angeles Philharmonic Orchestra dirigierte.

Um den Neubau und die behutsame Sanierung des 1969 eröffneten Kulturpalastes finanzieren zu können, setzten die Befürworter bis zuletzt auf eine großzügige Beteiligung des Freistaats. Nachdem Sachsens neue Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) jedoch ihre Ablehnung eines neuen Konzerthauses signalisierte, denken sie nun über die Gründung einer Stiftung nach. Bis zu 40 Millionen Euro könnten auf diese Weise nach Ansicht Schreiers eingenommen werden.

Schreier betonte, dass ein Neubau auch deshalb sein Geld wert sei, da er für steigende Touristenzahlen sorgen könne. Der Siegerentwurf für den Umbau des Kulturpalastes beeindrucke ihn zwar. Doch den geplanten Verzicht auf einen Orchesterprobensaal könne er nicht nachvollziehen: «Ich kenne kein Konzerthaus in der Welt ohne Probensaal.»

Einen Umbau verhindern will unter allen Umständen auch der Architekt des Kulturpalastes. Wolfgang Hänsch. Er bat am Donnerstag um Verständnis, dass er nun als letzten Ausweg seine Urheberrechte in Anspruch nehmen wolle. Er bezeichnete den Mehrzwecksaal als «weltweit einmalig» und seine geplante «Zerstörung» als «unverzeihliches Vergehen». Dann könne es im Kulturpalast keine Unterhaltungsveranstaltungen mehr geben.

Zuletzt hatten sich 28 Dirigenten aus aller Welt für den Neubau eines Konzerthauses eingesetzt. Neben dem Generalmusikdirektor der Sächsischen Staatskapelle, Fabio Luisi, und ihrem künftigen Chefdirigenten Christian Thielemann plädierten unter anderen Sir Colin Davis, Kent Nagano, Herbert Blomstedt und Daniel Barenboim für das Vorhaben. In einem von ihnen unterzeichneten Appell betonten sie, dass es Dresden noch immer an einem erstklassigen Konzertsaal mangele, «um sich dauerhaft mit internationalen Musikmetropolen wie Berlin, Wien, Amsterdam, St. Petersburg, New York und Tokio vergleichen zu können». H.B.



Berliner Morgenpost
18.09.2009
Jubiläum. Der falsche Mythos vom Schauspielhaus

Die meist plüschigen Intendanten-Suiten in Opern- und Konzerthäusern, dort, wo die Chefs in den Pausen und natürlich unbemerkt von der Öffentlichkeit die Künstlerstars mit wichtigen Politikern oder den Sponsoren zusammen bringen, sind legendäre Hinterzimmer.

Anekdoten ranken sich darum. Selbst im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, das vergleichsweise noch jung ist, gerade mal 25 Jahre alt. Kurz vorm Jubiläum - am 1. Oktober findet der Festakt statt mit anschließendem, mehrtägigem Festprogramm - trafen sich in jener Intendanten-Suite gestern plaudernd drei Konzerthaus-Chefs, die unterschiedlicher nicht sein können und gleichsam für die Traditionslinien und Brüche der Hausgeschichte stehen.

Der Dresdner Nobelkünstler Peter Schreier, der als Startenor ein Exportschlager der verblichenen DDR war, sollte eigentlich erster Intendant werden. Die graue Eminenz des Wiederaufbaus sträubte sich aber dagegen. "Ein bisschen singen kannst du auch noch", wurde ihm versprochen. Heute kann er darüber schmunzeln. Stattdessen übernahm er den repräsentativen Kuratoriumsvorsitz. Schreier erzählte nun von seiner Privataudienz bei Staatschef Honecker, der am Ende auch Devisen für ausländische Künstler frei gab. (....)

In der kleinen Runde um Peter Schreier als Zeitzeugen geht es vorrangig auch um die Urmythen. Beispielsweise behauptet das heutige Konzerthausorchester immer wieder, das Haus sei eigentlich für sie errichtet worden. Das sei nicht richtig, erinnert sich Schreier. Die DDR wollte in Ost-Berlin ein Gegenmodell zur West-Berliner Philharmonie errichten. Aber man wusste, dass die Qualität des Berliner Sinfonie-Orchesters dafür nicht ausreichen würde, also setzte man von vornherein auf das Modell, repräsentative Künstler zumal aus dem Westen einzuladen. Schreier erinnert sich etwa an einen Whisky-Umtrunk mit Leonard Bernstein im Intendanten-Zimmer. (...)
V.B.




Bild 06. & 07.05.2009
Talkshow-Premiere auf dem Riverboat
Dresdens Star-Tenor Peter Schreier (73) „Ich komme jetzt, weil der Kachelmann weg ist. Den mochte ich nicht...“
- Von Jürgen Helfricht


Er hatte eigene Fernsehsendungen auf der ganzen Welt – doch selbst wollte er nie Gast einer TV-Talkshow sein: Star-Tenor Peter Schreier (73)! Erstmals bricht der Dresdner mit diesem Tabu. Freitagabend ist er ab 22 Uhr Gast der beliebten MDR-Talkshow „Riverboat“.* „Für uns ist Schreiers Zusage wie ein Sechser im Lotto. Denn seit 1992 haben wir ständig und mit allen Tricks versucht, ihn als Top-Gast zu gewinnen“, jubelt Katharina Halm (44) vom MDR.

Peter Schreier (73), der seit 2006 nur noch dirigiert, war der bekannteste deutsche Opern- und Oratoriensänger. Offiziell fand sich im Kalender des Weltstars, dessen Stimme auf über 200 Platten und CDs verewigt ist, nie ein freier Termin. In Bild verrät Schreier, der immer noch in Konzerthäusern weltweit unterwegs ist, den wahren Grund: „Natürlich war mein Kalender oft fünf Jahre im Voraus verplant. Doch ehrlich gesagt, halte ich nicht viel von Talkrunden, wo häufig nur über Belanglosigkeiten geplaudert wird. Und den Kachelmann konnte ich gar nicht leiden.“
Nachdem der Schweizer Wetterfrosch Jörg Kachelmann (50) endlich von Bord ist, setzt sich der fünffache Kammersänger nun auch in die bunt gemixte Runde: Neben Talk-lady Sandra Maischberger (42), Starkoch Johann Lafer (51), Box-Champion Markus Beyer (38) oder „Kripo live“-Chefin Birgit von Derschau (52). TV-„Wetterfrosch“ Jörg Kachelmann (50) galt als „Riverboat“- Urgestein. Star-Tenor Schreier war von seiner Talkerei nicht amüsiert. „Aber eines habe ich mir ausbedungen: Ich möchte mich mit dem ARD-Nachrichtensprecher Jan Hofer unterhalten. Zu dem habe ich den sympathischsten Kontakt.“

Was der wohl bedeutendste deutsche Lied- und Oratoriensänger Freitag bei „Riverboat“ verraten will – morgen exklusiv in Bild


Peter Schreier & Penny (05.2009)

Wie der Bau der Mauer sein Glücksfall wurde
...und sechs weitere Ereignisse, die sein Leben und Erfolg beeinflusst haben

Die Wunderstimme des 20. Jahrhunderts – erstmals ist der weltberühmte Star-Tenor Peter Schreier (73) morgen Gast einer Talkshow! Ab 22 Uhr wird er in der MDR-Sendung „Riverboat“ zu erleben sein. In Bild verrät er einiges, was er dort aus seinem Leben berichten will. Schreier: „Ich habe nicht nur von Gott die Stimme geschenkt bekommen und hart gearbeitet – ich hatte auch immer wieder verdammt großes Glück!“

Hier die sieben Glücksfälle, die den Dresdner zum Welt-Star machten:

Wunderkind
„Mein erster Glücksbote war Kantor Rudolf Mauersberger, der mich im Kreuzchor zum Solisten machte, extra für mich komponierte.“

13. August 1961
„Nach dem Mauerbau fehlte an der Berliner Staatsoper die Sänger-Elite. Darum wurde ich nach meinem Studium gleich ans erste Haus der DDR geholt, wo Agenten aus aller Welt Talente suchten.“

Einladung in USA
„Der größte Mozart-Dirigent Josef Krips holte mich 1967 an die Metropolitan Opera New York – mein Durchbruch!“

Wunderlichs Tod
„1966 starb Tenor Fritz Wunderlich. Ich durfte seinen ‚Tamino‘ bei den Salzburger Festspielen singen – dem Olympia der Musik. 25 Jahre war ich ohne Pause hier engagiert.“

Herbert von Karajan
„Der geniale Karajan weihte mich persönlich in die letzten Geheimnisse des Dirigierens ein. So bin ich noch heute weltweit unterwegs.“

Krankheiten erkannt
„Diabetes (ab 33. Lebensjahr) und Bluthochdruck wurden rechtzeitig erkannt und ich habe mich von ihnen nie unterkriegen lassen.“

Mein Renerle
„Einzigartig für den Erfolg ist mein Renerle.“
In Renate, die am gleichen Tag wie er geboren wurde, verliebte er sich mit 15. Beide sind seit 52 Jahren verheiratet (2 Söhne, 7 Enkel).



Sächsische Zeitung 25.11.2008
Illegale Lehrjahre bei einer Knusperhexe

Beinahe hätte es die Sächsische Zeitung versemmelt. Zumindest war es ein SZ-Kritiker, der den aufstrebenden Musikstudenten Peter Schreier 1959 beim Hochschul-Rektor verpfiff. Der junge Mann nehme heimlich Gesangsunterricht beim Buffo-Tenor Johannes Kemter. „Uns Studenten verbot man, Externe zu konsultieren“, erinnert sich Peter Schreier an seine illegalen Lehrjahre bei jenem Mann, der seinerzeit als „Europas beste Knusperhexe“ in der Humperdinck-Oper „Hänsel und Gretel“ galt. Jene Anekdote aus der neuen Peter-Schreier-Biografie hatte gottlob kein böses Nachspiel für den jungen Sänger. Er lernte bei Kemter, seiner Stimme maximale Kraft zu geben. „Der Welt-Star verdankt ihm wohl die entscheidenden Impulse seiner gesanglichen Weiterentwicklung“, resümiert Jürgen Helfricht, Autor des Buches „Peter Schreier – Melodien eines Lebens“.

Prägende Begegnungen
Viele scheinbar kleine Geschichten über wichtige Begegnungen aus dem Leben des Dresdner Sängers beschreibt Helfricht. Er ist hierzulande bekannt. Seit Jahren arbeitet er für „Bild Dresden“ und schreibt über Prominente. Privat porträtiert der Journalist bei kleineren Verlagen unterhaltsam Persönlichkeiten und Institutionen. Der Schreier-Untertitel „Eine Bildbiografie“ ist wohl mit den zahlreichen unveröffentlichten Fotos zu erklären. Nur ab und zu rutscht die Sprache des Autors ins Boulevardpoetische. „Zwei Tage vor Heiligabend verstummte in Prag die goldene Kehle für die Öffentlichkeit“, dichtet Helfricht zum Ende der Sängerlaufbahn Schreiers im Jahr 2005.

Heimatverbunden und ehrlich
Vom legendären Interpreten, Jahrgang 1935, sind bislang nur persönliche Erinnerungen erschienen. Auch Helfricht legt keine kritische Schreier-Biografie vor, eher eine verehrende, kompakte Darstellung. Verständlich ist das für den, der den bescheidenen Künstler kennt. Obwohl Peter Schreier weltweit umworben wurde, blieb er seiner Heimat treu, gastierte außer in New York und Mailand eben auch in Leuben und Radebeul. Spannend, ja fesselnd wird das Buch, weil der Tenor ungewöhnlich offen auch über kritische Lebensphasen berichtet, so über sein jahrelanges Zerwürfnis mit dem cholerischen Kreuzkantor Rudolf Mauersberger oder die nach Republikfluchten zeitweise geteilte Familie. Deshalb dürfte diese neue, interessante Biografie die Verehrung für Peter Schreier noch steigern.

Buch: J. Helfricht: „Peter Schreier – Melodien eines Lebens“, Verlag der Kunst, 185 S., 24,95 Euro
B.K.


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Music! November 2008
Gestatten: Schreier, Sänger
Der Kammersänger Peter Schreier

Beinahe drei Jahre ist er her, dass der Kammersänger am 22. Dezember 2005 seinen letzen Auftritt als Tenor hatte. Nach sechs Jahrzehnten auf den Konzertpodien und Opernbühnen dieser Welt zog der ehemalige Kruzianer einen Schlussstrich unter diese beispiellose Sängerkarriere. Wer Peter Schreier kennt, weiß, dass dieser Abschied endgültig war.

Was kann es Schöneres und Höheres für einen Sänger geben, als wenn ihn das Publikum mit einer Rolle identifiziert – und die Rolle mit ihm identifiziert wird. Wer einmal Peter Schreier als Evangelisten in einem Bach’schen Oratorien gehört hat, sei es live oder auf einer de unzähligen Aufnahmen, wird jeden anderen Sänger zwangsläufig daran messen. Wahrscheinlich wird es jedem wie mit gehen, dass ein etwas unbefriedigtes Gefühl zurück bleibt, egal wie gut der „Ersatz“ auch sein mag. Der Eindruck von Unvollkommenheit vielleicht…
Trotz seiner Weltkarriere blieb Peter Schreier sein Leben lang in Dresden verwurzelt. Im persönlichen Gespräch zeigte er sich so authentisch, wie er es in seinen Bühnenrollen stets vermittelte: Ob auf der Opernbühne, als Oratoriensänger oder bei Liederabenden.

Ann Kathrin Bronner: Prof. Schreier, seit beinahe drei Jahren haben Sie sich als Sänger von der Bühne zurückgezogen. Reizt es Sie nicht manchmal doch noch, wieder auf der Bühne zu stehen und zu singen?
Prof. Peter Schreier: Nein, überhaupt nicht! Ich weine meinem Beruf keine Träne nach. Als Sänger ist es eigentlich relativ einfach zu sagen: Schluss! Der Körper macht ab einem gewissen Alter nicht mehr so mit, wie man sich das wünscht. Wer dann noch weitermacht, hat entweder finanzielle Nöte oder aber einen krankhaften Ehrgeiz (lacht). Außerdem bin ich ein komischer Mensch! Ich schließe alles ab und möchte dann nichts mehr davon wissen. Ich habe ja, wenn Sie es genau nehmen, 60 Jahre gesungen, wenn ich den Kreuzchor mitnehme, und ich empfinde das als einen Bogen, der hier beginnt und dort aufhört. Ich möchte mich auch noch mit anderen Dingen beschäftigen! Der Beruf hat mich sehr viel Stress gekostet. Und diesen Stress wollte ich - oder will ich immer noch - los sein. Und deswegen habe ich 2005 auch so abrupt mit Singen aufgehört. Das hatte ich mir immer als Fernziel gestellt: Mit siebzig Jahren hörst du auf! Ich konnte zum Glück bis 2005 noch ganz gut singen, und es war nicht so, dass die Leute nun im Konzertsaal saßen und mitgezittert haben; Ach Gott, wie schön hat er früher gesungen.
AKB: Hoffentlich trifft er noch einen Ton…
PS: Hoffentlich schafft er es noch, nicht! Das wollte ich von vorneherein ausschließen! Aber auch, weil ich das Gefühl hatte, ich habe alles erreicht, was ich wollte. Ich bin zufrieden mit dem, was ich gemacht habe. Und auch, was ich an Schallplatten gemacht habe. Ich habe sie noch nicht einmal gezählt. Aber wenn ich die Diskographie sehe, bin ich immer wieder erstaunt, welche Bandbreite ich da bedient habe. Natürlich auch manches unter Mode-Erscheinungen, zum Beispiel die „O Sole Mio“- Platte, die mir aber das meiste Geld gebracht hat. Da hätte ich mit Bach und Mozart abstrampeln können.

AKB:
Sie haben ja im Kreuzchor die ganze Chortradition mitbekommen.
PS: Ja! Das war für mich natürlich ein Riesen-Vorteil, weil ich in der Literatur viel besser Beschied wusste – und in der Stilistik bei Bach und Mozart. Und was für mich das Allerwichtigste war, ist das Sich-Unterordnen. Sich einem Chorklang unterordnen. Also nicht solistisch hervorzutreten, indem man den Chorklang bestimmt, sondern dass man wirklich chorisch denkt. Und das wäre eigentlich für alle Sänger sehr gut! Es gibt ja auch in der Oper viele Ensembles, wo der Sopran viel wichtiger ist als die Mittelstimme. Aber nein, der Tenor, der brüllt wie am Spieß und macht das ganze Ensemble kaputt. Ann kriegen Sie schon mal im Verdi-Requiem ein gutes Quartett, so dass das homogen ist?! Meistens brüllt jeder um sein Leben!

AKB: Sie haben ja vorhin schon angedeutet, dass Sie ein sehr breites Repertoire haben. Oper, Oratorium , Lied natürlich - da mag ich Sie am liebsten…
PS: Ich mich auch! (lacht) Es gibt ein paar tolle Aufnahmen, hauptsächlich mit András Schiff, die wirklich für mich exemplarisch sind. Es gibt zum Beispiel einen Mitschnitt aus der Wigmore-Hall, der ist einfach toll! Das höre ich mir selbst gerne an! Sonst höre ich meine Platten eher nicht…

AKB: Und wie verträgt sich das mit Operette?
PS: Naja, eigentlich habe ich ja nur die Fledermaus auf der Bühne gesungen. Uns was ich sonst noch gesungen habe, das habe ich mal für eine Schallplatte gemacht. Aber man darf das auch nicht unterschätzen: Operette ist gesanglich sehr, sehr anspruchsvoll. Operette zu singen gehört mit zum Schwersten. Wenn Sie sich mal die Léhar-Sachen ansehen, rein stimmlich muss man schon gut drauf sein, um das zu singen. Was man da an stimmlichen Substanz haben muss, wird oft unterschätzt. Über die geschmacklichen Dinge lässt sich sicher streiten, wobei eben die Operette ganz bestimmte Gesetze hat. Da nimmt man es mit einem Portamento nicht so genau. Aber das geht ja in der Oper auch so…. Sie müssen wissen, dass für die DDR-Schallplatten die Eterna oftmals alles in Co-Produktion mit westlichen Firmen gemacht hat. Und die verlangten dann im Vertrag, dass ich mit dabei bin, eben weil ich im Westen auch bekannt war. Und so bin ich zum Beispiel zur „Schönen Helena“ gekommen.

AKB: In Deutschland denkt man eben gerne in Schubladen. Etwa dass Sie jetzt ja AUCH dirigieren…
PS: Ja, das ist schon wieder so eine Schublade.
AKB: Aber Sie haben das ja auch studiert!
PS: Ja, und das mache ich nun wirklich um mich auch musikalisch noch ein klein wenig zu bestätigen und zu verwirklichen. Ich dirigiere natürlich auch nur die Dinge, die ich auch gesungen habe. Nächste Woche muss ich nach Frankreich, da dirigiere ich die Schöpfung in Paris. Das sind natürlich so kleine Tupfer in meinem Pensionsleben.
AKB: Das ist also hauptsächlich Oratorium, was Sie dirigieren?
PS: Ja.
AKB: Kein Interesse an Oper?
PS: Eigentlich kein Interesse.
AKB: Regie?
PS: Na, das schon überhaupt nicht! Das wäre das Allerletzte! Da müsste ich auf dem Zahnfleisch gehen! (Gelächter)

AKB: Sie haben ja wirklich mit den ganz Großen gearbeitet: Macht es Sie stolz, mit Karl Böhm oder mit Karajan musiziert zu haben?
PS: Na, ich schätze mich schon glücklich, dass ich mit den Leuten zusammengearbeitet habe! Und es waren eben zu meiner Zeit absolute Spitzenleute, nicht?
AKB: Hat Sie die Zusammenarbeit mit Karl Böhm denn auch musikalisch weitergebracht?
PS: Ich traue mich das fast nicht zu erzählen, aber die Proben bei Böhm waren lapidar. Bei ihm gab es nur zwei Dinge: Entweder „Sie sind zu teef“, oder „Se schleppen!“ Ja, das zählte bei ihm nur. Wenn Sie also genau waren, und nicht zu tief, dann waren Sie für ihn schon ein ganz bequemer Sänger und hatten es bei ihm gut. Wenn aber jemand zu tief sang… Also, der hat eigentlich vielen psychologisch ganz schön geschadet. Bei Prey hat er nie was gesagt, und der sang immer mal zu tief, nicht!
AKB: Und hat immer geschleppt!
PS: Und hat immer geschleppt, ja! Mit Karajan gab es schon künstlerische Arbeit! Er hat mich ja überredet, den Loge zu singen. „Sie sind ein guter Evangelist, dann müssten Sie auch einen guten Loge singen können!“ Ich hatte bis dahin vom Loge überhaupt keine Ahnung und habe mich da hineingekniet und war eigentlich ganz überrascht, was man mit so einem Loge machen kann mit so einem lyrischen Stimmchen wie meinem. In der ersten Bühnenproben passierte Folgendes: Karajan war ja Fanatiker des Lichts. Er hat ja die meisten Regieeinfälle mit Licht gemacht. Und da kam ich also von der Seite bei meinem Auftritt, und es blendete mich so, dass ich nichts sehen konnte. Da habe ich ihm dann gesagt: „Also, Maestro, ich muss mir wahrscheinlich Haftschalen besorgen. Das Licht blendet mich so!“ Da sagte er: „Gar kein Problem, schauen Sie nicht runter, ich begleite Sie!“ Und das war so! Er hatte genügend Vertrauen in meine Musikalität und dirigierte das. Und ich konnte oben den Loge so singen, wie ich ihn gestalten wollte! Ein anderes Beispiel: Wir machten die Matthäuspassion, auch in Salzburg, zu den Osterfestspielen, und da war ich vielleicht ein bisschen im Vorteil, weil die Matthäuspassion sehr gut kannte. Und er druckste so rum: „Wo stelle ich Sie denn hin? Ich will Sie auch nicht behindern… Ach, wissen Sie was, stellen Sie sich vor mich!“ Ich habe also unten gestanden, mit meiner kleinen Combo, und er hat mir total freie Hand gelassen! Er hat mich gar nicht dirigiert, nicht angesehen! Und da merkt man natürlich, dass man musikalisch irgendwo konform geht!

AKB: In der Oper mussten Sie ja die Bühnenfigur auch darstellen. Hatten Sie am Anfang Hemmungen, auf der Bühne auch zu agieren?
PS: Während des Studiums, ja! Sie müssen bedenken, ich war hier ja bekannt als Kruzianer-Solist. Als ich an die Musikhochschule kam und meinen ersten szenischen Unterricht hatte, sagte der Regisseur: „Ach, weißte, geh lieber zurück in Deinen Kreuzchor. Das wird nichts!“
AKB: Ist das nicht für einen jungen Menschen ganz schlimm?
PS: (macht eine längere Pause) Ich habe das a) nicht so ganz für voll genommen, und b) war ich an der Oper gar nicht so interessiert. Ich dachte mehr in Richtung Konzertsänger. Dieses Interesse wurde erst viel später geweckt. Und dann hat mir sogar Spaß gemacht!
AKB: Haben Sie Rollen auf der Bühne auch so richtig ausgelebt? Hatten Sie wirklich das Gefühl: ich bin jetzt Belmonte und muss meine Constanze retten!
PS: Es kam drauf an, was ich für eine Constanze hatte! (Gelächter) Das ist eigentlich nur beim Palestrina so gewesen. Beim Palestrina habe ich mich wirklich voll identifiziert. Bei den Mozart-Partien – ich will nicht sagen, ich habe daneben gestanden, aber ich habe mich beobachtet. Ich habe mich kontrolliert. Und das war vielleicht auch ganz gut, weil ich ja stimmlich und gesangstechnisch noch ganz schöne Aufgaben hatte und mich nicht durch zu viel Emotion oder Unkontrolliertheit von der Linie abbringen lassen konnte. Der Ruf ging mir natürlich auch voraus - oder nach, wie man will - dass ich immer ein kontrollierter Sänger gewesen bin. Weniger im Liederabend, wo ich eigentlich immer versucht habe, die Stimmung aus mir heraus zu interpretieren. Das heißt, das Publikum anzusprechen und ihnen die jeweilige Situation bildhaft zu erklären oder zu „ersingen“.
AKB: Wobei man ja als Laie denkt, Lieder erfordern gar nicht so viel an Rollenspiel wie eine Opernrolle!
PS: Das ist ja eben die Fehleinschätzung! Denn der Liedersänger hat ja anderthalb oder zwei Stunden die Pflicht, alle drei, vier, fünf in eine andere Rolle zu schlüpfen und die Stimmungen auch farblich und vom Timbre zu beeinflussen. Es ist viel, viel, schwieriger, das Publikum dort zu erreichen! In der Oper ist ja doch viel Ablenkung, viel Szenisches dabei! Beim Liederabend steht man so gut wie nackt auf der Bühne, und muss dann ohne Hilfsmittel… Der Pianist noch, ja. Der kann einem sehr helfen. Da habe ich auch tolle Erfahrungen gemacht.
AKB: Der kann aber auch behindern…
PS: Eigentlich nur ein Mal in meinem Leben!
AKB: Wir wollen ja keine Namen nennen!
PS: Nee, sage ich auch nicht! Ich habe mich auch inzwischen mit ihm versöhnt!
AKB: Herzlichen Dank für das Interview!

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Liechtensteiner Volksblatt 09.09.2008
«Meistersinger» als «Lehrmeister»
Schwarzenberg. Die Schubertiade 2008 in Schwarzenberg ist Geschichte. Seit 1. September gab es im Kleinen Dorfsaal eine Woche lang noch ein besonders beachtliches Ereignis.
Peter Schreier, der legendäre deutsche Tenor und Schubertiade-Stammgast, der als Sänger nicht mehr konzertiert, hielt mit 73 Jahren in Schwarzenberg erstmals einen Meisterkurs, der mit internationalen Studenten gut besucht war. Der «Meistersinger» wurde somit - leider spät ! - auch zum «Lehrmeister» in Schwarzenberg.

Berühmte Lieder von Schubert, Brahms, Wolf, Mahler, Bach etc. wurden vom Kammersänger exemplarisch erklärt. Zwei Kernsätze vielleicht aus dem reichen Sängerleben Schreiers: «Körperliches Mitgestalten beim Singen ja, aber niemals mit geschminkter Schnauze singen» «Piano nicht verwechseln mit Bedeutungslosigkeit» usw.

Die grösste Begabung im Kurs war wohl der weissrussische Tenor Yury Haradzetsky, der den berühmtesten Tamino aller Zeiten, Peter Schreier, mit der Bildnisarie (einer Überraschung) in seiner Muttersprache zu Tränen rührte.


Peter Schreier & Sonya Stuttkewitz Peter Schreier, Tatiana Loisha, Yury Haradzetsky
Peter Schreier Peter Schreier
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Thüringische Landeszeitung (TZL) 16.07.2008
Ohne Talent kein Preis
Weimar."Bitte noch einmal." Peter Schreier ist ein unerbittlicher Lehrer. Konsequent und mit sensibler Strenge hilft er dem jungen italienischen Sänger Marcello bei "Im wunderschönen Monat Mai", erstes von 16 Liedern aus Robert Schumanns "Dichterliebe". Peter Schreier achtet auf Atemtechnik, Artikulation, auf Ausdruck. Mit dem Dresdener Startenor, der seine Sängerkarriere als 70-Jähriger 2005 beendete, haben die 49. Weimarer Meisterkurse eine Koryphäe ihres Fachs zum zweiten Mal für einen Kurs gewinnen können.

Warum hat er sich bereit erklärt, den Kurs "Liedgestaltung" zu leiten? "Das Reizvolle daran ist generell, den jungen Sängerinnen und Sängern die eigenen Erfahrungen mit auf den Weg geben zu können", meint Peter Schreier. Wie hart jeder an diesem Weg arbeiten muss, unterstreicht der populäre Lehrer mit einem Hinweis auf jene Grundlagen, die von den Teilnehmern mitgebracht werden müssen: Sie sollten "stimm- und gesangstechnisch so weit" sein, dass sie "meine Anregungen auch umsetzen können". Er ist ein wenig enttäuscht, weil "das Niveau bei meinem Kurs vor zwei Jahren in Weimar ein höheres war".

Insgesamt sieben Sängerinnen und Sänger aus Deutschland, Korea, Italien und Polen nahmen an seinem fünftägigen Kurs teil. Weit größer war das interessierte Publikum: Der lyrische Startenor Peter Schreier ist eine Legende. Ihn beim Unterrichten erleben zu dürfen, war für die Zuhörer ein Hochgenuss. Ein Erlebnis, das auch jene schulte, die es beim passiven Zuhören belassen wollten. Die Kursliteratur hat er auf die Lieder von Robert Schumann und Hugo Wolf begrenzt. Romantik im Saal Am Palais, Professor Ulrich Vogel unterstützte einfühlsam am Flügel.

"Jeder Fleiß hat seine Grenzen"
"Das Grundproblem heutzutage ist, dass die Sänger rein technisch und mechanisch ausgebildet werden. Es heißt immer nur: Stimme, Stimme, Stimme. Es muss aber zusätzlich auch noch Musik gemacht werden! Von Anfang an müsste die Ausbildung parallel die technischen und musikalisch-interpretatorischen Aspekte schulen, hier läuft nicht alles optimal", muss Peter Schreier immer wieder erfahren.

"Gelt, Fischer-Matz? gelt, alter Tropf, dir will der Winter nicht in Kopf? Komm mir mit deinen Netzen!", beschwört die koreanische Musikstudentin Alessia die von Hugo Wolf vertonte "Nixe Binsefuß" aus der Feder Eduard Mörikes. "Komm mir mit. Komm mir. Komm ...", Alessia versucht und versucht, den lockenden Ton herauszuarbeiten. Textverständlichkeit, Betonung und immer wieder der Ausdruck: Es ist ein weiter Weg bis zur Bühnenreife fern aller Flausen, welche sich nach Fernsehsendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" oder "Deutschland sucht den Musicalstar" in den Köpfen mancher sangesbegeisterter Jugendlicher festsetzen.

Was empfiehlt der Profi Peter Schreier der Jugend, die den Beruf des Sängers wählen möchte? "So zeitig wie möglich anfangen! Und auch ruhig in einem Chor mitsingen, um zu lernen, auf die anderen zu hören oder sich zum Beispiel einem Opernensemble unterzuordnen. Es muss dann natürlich rechtzeitig der Absprung zum solistischen Singen unternommen werden. Und es gehört auch Begabung dazu: Singen ist nicht erlernbar wie etwa Chemie oder Mathe ...." Doch nicht jeder, der gern singt, ist ein wiedergeborener Enrico Caruso oder eine zweite Anna Netrebko. Wenn der Volksmund behauptet "Ohne Fleiß kein Preis", so lässt sich der Satz nicht ohne Weiteres für Sänger verallgemeinern.

"Manche Veranlagungen kommen auch mit weniger ,Übung´, wie ich es nennen möchte, aus", hat Peter Schreier erfahren. Auf der anderen Seite habe jeder Fleiß sowieso seine Grenzen: Mehr als vier Stunden täglich, mit Pausen, sollte seiner Meinung nach niemand singen. "Also eine Ausgewogenheit zwischen Talent und Fleiß wäre das Erstrebenswerteste. Manche verschleudern ihr Talent auch: Sie nehmen es zu leicht, bleiben dann irgendwo unterwegs hängen. Andere sind stimmlich hervorragend, versagen aber nervlich, wenn sie auf die Bühne müssen...". C.W.



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Sparkassen-Kurier
06.09.2007
Schreier stimmte Studierende ein
Musiksommer: Abschlusskonzert „Aus der Werkstatt“
Moers. Vier arbeitsintensive und anstrengende Probentage lang hatten die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Meisterkurses im diesjährigen Moerser Musiksommer gearbeitet. Takt für Takt, manchmal sogar Ton für Ton hatten sie dabei um den authentischen Ausdruck, die perfekte Intonation, die schönste Interpretation gerungen. Mit Ausschnitten aus Passionen und Kantaten gaben sie im großen Abschlusskonzert zum Besten, was sie bei ihrem berühmten Lehrer, Kammersänger Peter Schreier, gelernt hatten.

Musiksommer international
„Heute haben alle die Möglichkeit, dem Meister und seiner Klasse über die Schulter zu sehen und zuzuhören“, freute sich Giovanni Malaponti, Vorsitzender der Kulturstiftung Sparkasse am Niederrhein, als er die rund 250 Gäste in der evangelischen Stadtkirche zu einem „schönen und, wie Bach es formuliert hätte, erbaulichen Konzert“ begrüßte. Einen besonderen Dank richtete er an Professor Peter Schreier für „die ausgezeichnete Arbeit, die er mit den jungen Leuten geleistet“ und an Dr. Christiane Schumann, die als künstlerische Leiterin „den Moerser Musiksommer erneut auf so hochkarätige Weise auf die Beine gestellt und ermöglicht“ habe.
Dank der Verpflichtung von Peter Schreier sei es in diesem Jahr sogar erstmals gelungen, den Moerser Musiksommer international zu positionieren: „Letzte Woche hat er einen Kurs im norwegischen Bergen geleitet, nächste Woche ist er in London. Dazwischen Moers, da können wir uns doch sehen lassen.“ Das Programm des Abschlusskonzerts war dem großen Komponisten Johann Sebastian Bach gewidmet, dem „Einen“, aus dem, wie Robert Schumann es formulierte, „von allen immer wieder neu zu schöpfen“ sei. „Die Literatur von Bach ist so schwer zu bewältigen“, erklärte Peter Schreier den Konzertbesuchern, „drücken Sie den jungen Leuten die Daumen. Und denken Sie daran, dass es Studierende sind, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Das gelingt dem einen schneller und dem anderen langsamer. Deshalb bitte die Erwartungen runterschrauben.“ Aus diesem Grund habe man auch dem Titel des Konzerts gewählt: „Aus der Werkstatt“. Doch selbst höchste Erwartungen des Publikums wurden erfüllt, als die insgesamt 18 jungen Sängerinnen und Sänger sich nacheinander vorstellten: vom hellen, glasklaren Sopran bis zum samtweichen, vollen Alt, vom erfrischend schlanken Tenor bis zum kraftvoll tiefen Bass tönte es zu Bachs Ehren durch den Kirchenraum. (....)


WAZ 04.09.2007
Unermüdlich feilen am Alleluja
Meisterkurs mit Peter Schreier gestern beim Musiksommer: "Den Hörer nicht merken lassen, wie schwer das ist."

Moers. Er dirigiert, er singt vor, singt mit, hört alles, unterbricht, erläutert. Er sagt deutlich, was ihm missfällt ("das ist nervtötend") - er lobt, wenn´s dann gelingt ("perfekt"). Und die Sänger, denen der Moerser Musiksommer diesen Meisterkurs mit Peter Schreier ermöglicht hat, sind spürbar begeisterte Schüler. Natürlich haben sie die Partituren studiert, sind Johann Sebastian Bach im Studium begegnet, stehen zum Teil schon im ersten Engagement. Aber mit dieser unumstrittenen Autorität - in diesem Fall ist das Wort Legende ausnahmsweise mal angebracht - arbeiten zu können, ist für jeden jungen Sänger eine einmalige Gelegenheit. Einer ist sogar aus London angereist.

Scheinbar unermüdlich wird im Kammermusiksaal des Martinstifts an den halsbrecherischen Koloraturen des "Alleluja" aus der Bach-Kantate 51 "Jauchzet Gott" gefeilt. "Das ist wie ein Ritt über den Bodensee, da darfst du keine Angst entwickeln", ermutigt Peter Schreier Cora Bethke aus München, deren Sopran dazu tendiert, ein wenig zu hoch zu werden. "Versuch nochmal, diese Stelle mit nicht so viel Druck zu singen", rät ihr der 72-jährige Meister.

Und auch die temperamentvolle Friederike Schröder mahnt er immer wieder zur Zurückhaltung. "Das klingt gehetzt. Es muss natürlich schnell laufen, aber nicht hektisch." Das sieht sie ein. "Ich muss mich mal bremsen." Und dann sagt Peter Schreier einen Satz, der die Richtung weist: "Es gehört Überlegenheit dazu, den Hörer nicht merken zu lassen, wie schwer das ist."

Bei der Arbeit mit Ingo Witzke aus Berlin hält es Schreier nicht mehr auf dem Stuhl. Auch beim jungen Bassisten, der an einer Arie aus der Matthäus-Passion arbeitet, hört er zu viel Power. Anfänglich in jedem Ton. Da geht Schreier ganz schnell dazwischen. "Versuch´ mal, ganz auf Linie zu singen, ruhige mezzo voce." Während Witzke singt, zeichnet Schreier mit dem Finger die Linie in die Luft, an der sich der Sänger orientieren kann. Dann korrigiert Schreier: "Ich höre T, das ist aber ein Z." So entwickelt sich ein intensiver Dialog, dieser dichten Arbeitsatmosphäre können sich auch die Zuhörer nicht entziehen.


Peter Schreier, 09/'07
Peter Schreier in Moers


19 von 26 Teilnehmern hat Schreier in den Meisterkurs geholt. Und sich erstaunt gezeigt über das mächtige Stimmpotenzial, das in Moers zusammen gekommen ist. "Unvergleichlich, hat er gesagt", freut sich die künstlerische Leiterin Dr. Christiane Schumann.

Aus der Werkstatt
Zum ersten Mal verlässt der Musiksommer für sein Abschlusskonzert das Martinstift. Zum einen, weil die Kapazität mit 180 Plätzen begrenzt ist, zum anderen, weil diesmal sakrale Werke im Mittelpunkt der Arbeit standen. Und die gehören in die Akustik einer Kirche.

Das Konzert, das heute [5.9.] um 19.30 Uhr in der evangelischen Stadtkirche in Moers beginnt, trägt den Titel "Aus der Werkstatt". Zu hören sind Ausschnitte aus Oratorien und Kantaten von Bach, am Flügel begleitet von Ulrich Hofmann und Tobias Krampen. A.H.

Peter Schreier, 09/07
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Photos Meisterkurs / master class Peter Schreier + Johannes-Passion
Gloppen Musikfest, Sandane, 6-12/08/2007

Peter Schreier, Gloppen Musikfest

Peter Schreier, Gloppen Musikfest
Peter Schreier, Gloppen Musikfestival 2007
Peter Schreier, Gloppen Musikfest Peter Schreier, Gloppen Musikfest
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Der neue Merker
09.08.2007
Leipzigs „forum thomanum“ kommt voran
Ein Highlight beim diesjährigen Bachfest war der „forum-thomanum-Tag“ am 11. Juni. [....] Der Thomanerchor als Talentschmiede. Was daraus folgen könnte, erleben die Zuhörer bei einem öffentlichen Workshop von Tenor Peter Schreier. Mit vier jungen Tenören - drei ehemalige Thomaner und einer vom Dresdner Kreuzchor - studiert er die Evangelistenpartie der Bachschen Johannispassion. Freundlich und konzentriert hört er den Vieren nacheinander zu. Ihm entgeht nichts, und auf die korrekte Aussprache legt er großen Wert. „Je leiser Du singst, umso deutlicher musst Du artikulieren,“ mahnt er. „In den Kirchen sitzen ja hunderte von Leuten. Die wollen verstehen, was gesungen wird, und das muss auch spannend sein.“ Anders als einst von Albert Schweitzer propagiert, sollte der Evangelist, so meint Schreier, bei den Rezitativen über das sachliche Berichten hinausgehen und eigene Betroffenheit zeigen. „Wir brauchen weiter nichts als überzeugtes Singen,“ sagt Schreier schlicht. Als einer der jungen Männer sich vertut und sich sichtlich darüber ärgert, lächelt Schreier: „Du darfst Dir nie anmerken lassen, dass Du mit Dir nicht zufrieden bist. Gegenüber dem Publikum bist Du immer der Größte.“ Als Dank überreicht ihm Thomaskantor Biller seine Dienstkrawatte. Ein pikantes Geschenkt; kommt Schreier doch von der „Konkurrenz“, dem Dresdner Kreuzchor. U.W.


Sächsische Zeitung
19.06.2007
Der „Rosen“-Tenor wäre ich zu gern gewesen
Peter Schreier entdeckt für die Schumanniade in Kreischa ein Werk, das er als Sänger stets übersah

Peter Schreier wundert sich selbst: „Jahrzehntelang habe ich Robert-Schumann-Kompositionen gesungen. Aber erst jetzt, anderthalb Jahre nach Ende meiner Sänger-Laufbahn, entdecke ich eine Partie, die mir auf den Leib geschrieben wäre – schade.“ Der Dresdner Künstler meint den Tenorpart aus dem eher selten zu erlebenden Schumann-Oratorium „Der Rose Pilgerfahrt“. Schreier hat das Werk vor einem Jahr erstmals gehört und wird es zur Schumanniade in Kreischa dirigieren.

Zum fünften Mal findet am letzten Juni-Wochenende in Kreischa und Reinhardtsgrimma eine Schumanniade statt. Es ist das wohl kleinste Schumann-Festival, weil ein kleiner Verein der Träger ist. Aber das Musikfest findet an authentischem Ort statt. Robert und Clara Schumann waren im Mai 1849 vor der Revolution aus Dresden geflüchtet. In dem nur sechswöchigen Aufenthalt in Kreischa entstanden viele Kompositionen wie die Rückert-Lieder. Einiges davon erklingt auch diesmal – am Klavier stets von Andras Schiff begleitet. Schreier spricht von einer kleinen Sensation, dass dieser viel gefragte Pianist in Kreischa spielt und noch zu „unseren bescheidenen Konditionen“. Schiff tut es dank Schreier und nicht zum ersten Mal. Beide waren lange ein erfolgreiches Duo, was auch in Kreischa und Reinhardtsgrimma zu erleben war.

Diesmal wird der Ehrenvorsitzende des Festival-Vereins, Peter Schreier, seinem Freund quasi nur zuhören und eben bei der „Rose“ dirigieren. Ob er nicht doch Lust hat, mal wieder zu singen? „Ich habe das Kapitel abgeschlossen“, sagt der 71-Jährige. Zwar habe es ihn jüngst bei einem Workshop mit Tenören mal gerappelt – „es ging noch ganz gut“ –, aber auch nur beim Arbeiten und weil es um seine Lieblingspartie des Evangelisten aus Bachs Weihnachtsoratorium ging. „Ich lebe ja auch vom Tagesablauf her nicht mehr in der Sängerzeit, wo sich alles andere unterzuordnen hat. Es ist wie bei einem Spitzensportler, der täglich trainieren muss und nicht so nebenbei einen Wettkampf mit Erfolg hinlegt“, sagt Schreier. Meisterkurse hingegen gibt er noch ab und zu – gerade hat ihn die Budapester Musikakademie für solchen mit einer Ehrenprofessur geehrt.

Peter Schreier, 2007

Seinen Fans bleibt Schreier als Dirigent erhalten. Gut 15 Konzerte leitet er weltweit pro Jahr, ab und zu auch eins in der Heimat. 2007 ist er hierzulande nur in Kreischa zu erleben – mit dem „Rosen“-Oratorium. „Das ist ein toller Schumann, der Text ist zwar etwas märchenhaft-simpel, aber die Musik unglaublich poetisch, fast liedhaft“, schwärmt er. Es wird die ursprüngliche, bescheidene Klavierfassung erklingen. Peter Schreier meint, „da habe ich fast nichts zu tun“. Kenner wissen aber, dass bei seiner zupackenden Musizierweise gerade das Liedhafte große Intensität erhält.
Von Bernd Klempnow



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Freie Presse / Chemnitzer Zeitung 19.06 2007
"Vorn steht kein Diktator"
Interview mit Peter Schreier zu Proben in Chemnitz

Peter Schreier gastiert mit dem Chemnitzer Barockorchester zur Schubertiade in Österreich. Sämtliche Brandenburgische Konzert werden unter seiner Leitung aufgeführt. Für die Chemnitzer ist es das bedeutendste Gastspiel Zeit ihres Bestehens. Peter Schreier genießt weltweit Anerkennung als lyrischer Tenor, als Bach-Sänger, als Oratorien- und Liedinterpret. Der Sänger hat sich von der aktiven Laufbahn zurückgezogen, der Dirigent ist auf den Orchesterpodien mehr denn je gefragt. Mirianne Schultz unterhielt sich mit dem Künstler in einer Probenpause am gestrigen Sonntag.

Peter Schreier, Chemnitz, 17.06.'07.

Freie Presse: Sie arbeiten regelmäßig mit dem Chemnitzer Barockorchester. Unter Ihrer Leitung gastierten die Chemnitzer zu Mozarts 250. Geburtstag in der Dresdner Frauenkirche. Was ist Ihnen wichtig am Barockorchester?
Peter Schreier: Die Probenintensität und die Arbeidsatmosphäre sind wirklich einmalig hier. Alle kommen auch am Sonntag mit einer aktiven Einstellung, keiner sieht auf die Uhr. Jeder is kreativ dabei. Jeder gibt seine Vorschläge und Interpretationswünsche kund. Alle wissen, da vorn steht kein Diktator, hier wird gemeinsam etwas erarbeitet.

Freie Presse: Nun haben Sie Popularität weltweit aus Ihren Gesangsinterpretationen erlängt. Der Sänger hat sich zurückgezogen, fiel Ihnen dieser Schritt schwer?
Peter Schreier: Von einem bestimmten Alter an hat die Stimme nicht mehr dieselbe Spannkraft für Höchstleistungen. Darüber muss man sich im Klaren sein und die Entscheidung treffen - bis hierher und nicht weiter. Jetzt ist es Schluss. Die Belastung wird zu groß, und das Ergebnis ist dann nicht mehr zufriedenstellend.

Freie Presse: Bis heute ist Ihrer Popularität ungebrochen, gehören Aufnahmen mit Ihnen als Tenor zum Besten. Wie erklären Sie sich das?
Peter Schreier: Die Persönlichkeit ist gefragt, und das nicht nur im Sinne einer großen Stimme, sondern im Sinne von Aussagekraft. Darauf kommt es an.

Freie Presse: Sie proben täglich von 10 bis 20 Uhr, haben zum Konzertfrühstück gerade den 3. Satz aus dem 3.Brandburgischen Konzert zu Ehren von Niksa Bareza gespielt - ein Bonbon für das Publikum, ein Geschenk für den Dirigenten. Hörten wir eine Probe oder eine Aufführung?
Peter Schreier: Es war zwar ganz überraschend auch für mich, aber Probe ist das eine, Aufführung das andere. Es ist immer gut, sich unter Druck auszuprobieren.

Freie Presse: Niksa Bareza verabschiedet sich von der Philharmonie, der die Musiker des Barockorchesters angehören. Sehen Sie Ihren Kollegen in einer ähnlichen Lage wie sie anlässlich Ihres Abschieds als Sänger?
Peter Schreier: Als Sänger ist man in einer anderen Position. Ein Dirigent kann sehr alt werden, denke ich an Karl Böhm oder Günter Wand. Im allgemeinen haben gerade die älteren Dirigenten eine unglaublich kreative Zeit vor sich, sie werden im Alter immer besser.

Freie Presse: Ihr Terminkalender ist gefüllt. Was kommt danach?
Peter Schreier: Die Schumanniade in Schloss Reinhardtgrimma vom 29. Juni bis 1. Juli. Schumann erlebte dort 1849 eine sehr kreative Zeit. Mit ist gelunge, große Künstler zu verpflichten. Die Chemnitzer sind herzlich eingeladen.


Pester Lloyd 25.04.2007
Bachs Botschafter
Budapester Musikakademie ehrte Kammersänger Peter Schreier mit Ehrenprofessur

Der Rektor der Budapester Musikakademie Franz Liszt, András Batta, nutzte am vergangenen Freitag die Zeit vor einem Konzert gerne, die ihm der für seine Präzision berühmte Star des Abends, Kammersänger Prof. Peter Schreier, aufgrund einer Verspätung unfreiwillig eingeräumt hatte um dem Publikum die steile Karriere des weltberühmten Mozarttenors, Liedersängers, Dirigenten und “Botschafter Bachs” vorzustellen. Wahrscheinlich weitgehend unnötig, denn in den heiligen Hallen saßen viele Musiker des Hauses, Lehrer, Kollegen, künstlerische Partner und Verehrer des weltberühmten Tenors.

Magnifizenz Batta begrüßte den Gast als “Heimgekehrten”, der über fast fünf Jahrzehnte nicht nur häufig in Budapest gastiert, sondern auch auf diesem Podium der Budapester Musikakademie einst seinen ersten Auftritt in Ungarn hatte. Peter Schreier nahm gerührt die Urkunde der Ehrenprofessur der Musikakademie entgegen und die Gelegenheit zum Anlass, die damalige Situation zu verdeutlichen. 1959 hatte er als junger Tenor am Erkel-Opernwettbewerb teilgenommen. Bekannte Namen wie Miklós Forray und Tito Scippa saßen in der Jury. Er sang eine Arie von Johann Sebastian Bach, woraufhin Scippa gefragt haben soll: “Was singt der Mann da eigentlich?” Sein 4. Platz war der Beginn einer kontinuierlichen, engen Zusammenarbeit, aus der eine persönliche Freundschaft und wichtige Ergebnisse geblieben sind, betonte Schreier unter dem Applaus des Publikums.
Dem folgenden Bach-Konzert, das in der Reihe Alma Mater Konzerte der Musikakademie, gesponsert von Hërosz Zrt., mit einer sakralen und einer weltlichen Kantate stattfand, ging ein intensiver Meisterkurs mit den Musikstudenten des Hauses voraus.

Prof. Schreier zog mit den jungen Musikern alle Register, die Beteiligten unterlagen hohen Anforderungen. Der weltbekannte Sänger am Pult, bis 2005 Bachs wohl bester Evangelist, schulte die Sänger in Bachscher Stilistik, Ausdruck und Dynamik, Artikulation und Bühnenpräsenz und machte die Musiker mit der einmaligen polyphonen Verflechtung und wechselnden Führung der Instrumentengruppen vertraut. Zudem konfrontierte er sie mit der Verantwortung der Soli, mit den exponierten Höhenpunkten der Bachschen Dialektik von Instrumenten und Sänger.

Der Oboist und die Trompeten waren am Ende erfolgreich auch im Wissen, was es in ihrer weiteren Karriere noch zu tun gibt. Faszinierend die von Schreier mit den begabten Musikern herausgearbeiteten Momente von Kontemplation, Unterstreichung der Handlung und unglaubliche Lebensfreude im Bachschen Wirken. Kein Moment ohne Konzentration und Aufmerksamkeit. Der Meister begleitete “seine Studenten” mit Aufmunterung, trieb sie in die Tempi, brachte Bach in den Streichern sogar zum “Swingen”, artikulierte jede Arie und jedes Rezitativ mit. Insbesondere die Sänger spiegelten die derzeitige Leistungskraft der Akademie real wider. Der Bassbariton in der Kantate 82 “Ich habe genug” füllte zwar mit satter Tiefe den Raum, verfügte aber in Mittellage und Höhe nicht über die Technik, hohe und flache Klänge zu beherrschen, so dass es auch zu unangenehm klingenden Pianostellen kam.

Die Kantate 201, der als “dramma per musica” bezeichnete “Streit zwischen Phoebus und Pan”, kann als Bachs Kammeroper für Solisten, Chor und Orchester gelten. Mit ausgesuchter Spielfreude waren alle am Thema zwischen einer Art “Meistersinger” und “Sommernachtstraum” dabei. Prof. Schreier schonte niemanden. Phoebus und Pan hatten angenehm warme, tenorale und baritonale Töne und - wie alle anderen auch – Passagen des Kampfes mit dem “Material”. Dem Midas sei sein Mut zum Ausdruck und die kräftige Maxsche-Freischütz Höhe gelobt. Den metallischen Anklängen bei den Sopranen fehlte allerdings noch einiges an Strahlenglanz in den Höhen und insbesondere in der Kolleraturtechnik. Der Chor am Anfang und Ende als Verkünder der Moral und Kommentator war gut einstudiert und aufmerksam den Nuancen des Dirigats hingegeben. Zum Höhepunkt des Meisterkurs mit Peter Schreier - im Konzert – waren fast alle jedoch weit über sich hinaus gewachsen und sichtbar glücklich.
E.F.

Der Pester Lloyd hatte Gelegenheit, vor dem Konzert mit Kammersänger Prof. Peter Schreier über seine Arbeit zu sprechen.

Herr Kammersänger, welche Verbindungen haben Sie zu Ungarns Musikleben?
Mein Anfang war 1959 mit dem Erkel-Wettbewerb in diesem Hause, damals schon mit Bach, danach war ich immer wieder hier, z.B. mit einer sehr guten Aufführung der Johannespassion mit dem Rundfunkchor und –orchester in den 80er Jahren; ich habe in der Musikakademie das Weihnachtsoratorium gesungen und dirigiert, an der Oper Mozart gesungen, Liederabende mit Dezsõ Ránki gegeben, den ich freunschaftlich schätzen gelernt habe und mit dem ich zuletzt, am Ende meiner sängerischen Laufbahn, 2005 hier mit Schuberts “Winterreise” auftrat. Aufnahmen mit András Schiff liegen auch vor.

Sie haben schon vor mehr als dreißig Jahren, also mitten in Ihrer weltweiten Gesangskarriere zu dirigieren begonnen. Das war samals nicht so üblich. Was halten sie davon, dass so viele Sänger oder Instrumentalsolisten, fast inflationär, mit einer “zweiten Karriere” als Dirigent beginnen.
Also, ich hatte nie vor, auch jetzt nicht, noch eine “Karriere” als Dirigent zu beginnen. Das hat sich harmonisch aus meiner Arbeit und meinen Interessen ergeben. Als Evangelist, den ich so oft gesungen habe in den Bachschen Oratorien, haben sich mir tiefere Einsichten vermittelt, so dass es nahe lag, gleichzeitig zu dirigieren. Durch mein Hineinwachsen in den Sächsischen Barock als Kurzianer (Schreier war Mitglied des über 400 Jahre alten Dresdner Kreuzchores – d.R.) fühlte ich mich verpflichtet, diese Musik zu verbreiten. Ich dirigiere gerne und gebe auch gerne die Fülle Bachs weiter, z.B. mit solchen Meisterkursen wie hier in Budapest. Übrigens überrascht es mich immer wieder, wenn mir Musiker, z.B. in der Prager Philharmonie, mit denen ich die Matthäuspassion gemacht habe, sagten, dass sie diese Musik zuletzt 1947 gespielt hätten. Auch hier, in meinem Kurs an der Musikakademie, sagten mir diese gut geschulten ungarischen Studenten, noch nie in Bachs Passionen mitgewirkt zu haben. Diese Musik ist doch die Basis und das Beste... Das ist uns in Deutschland, auch in Ostdeutschland, wo Kirchenmusik durchaus nicht gewollt war, zum Glück erspart geblieben. In Dresden an der Musikhochschule wäre das zu allen Zeiten undenkbar gewesen!

Wie kommt es, dass die sogenannte “Alte Musik” heute oft, selbst von exzellenten Ensembles, so introvertiert, ja maniriert vorgetragen wird?
Ich denke, das liegt am Vermarktungsdruck, an den Medien, die immer Neues, scheinbar immer Besseres glauben produzieren zu müssen, da kommt es zu solchen Extremen, zu Profilierungssucht, die nichts mit Werktreue zu tun hat. Unsere hohe Musikkultur übt einen solchen Druck aus, der aber auch Irrwege hat.

Ändert sich mit den Jahren an Erfahrung oder auch mit dem Lebensalter die Sicht auf die Werke?
Das ist doch ganz natürlich. Unsere große sächsische Musikkultur zum Beispiel war in gewisser Weise doch auch in sich selbst, in ihrer Tradition und Gewohnheiten, wie Aufführungspraxis gefangen. Dadurch, dass ich in der ganzen Welt unterwegs war, haben sich neuen Sichten und Änderungen ergeben, Gewohnheiten wurden aufgebrochen. Das kann man z.B. in der Aufnahme von Bachs “Weltlichen Kantaten”, die ich bei Berlin Klassik eingespielt habe, spüren.

Sie hatten kürzlich Ihren 70. Geburtstag. Kann man nach Ihrer Autobiografie aus den 1980er Jahren auf eine Fortsetzung hoffen?
Das ist ja schon fast wieder zwei Jahre her; aber sicher schreibe ich nichts Neues, zumal mein Buch “Aus meiner Sicht – Gedanken und Erinnerungen” vor drei Jahren mit Ergänzungen herausgegeben wurde und ein, aus musikalischer Sicht, gut gelungener Film mit dem Titel “Alles hat seiner Zeit” auch auf DVD vorliegt.

Vor Weihnachten haben Sie ein vielbeachtetes Konzert in der wiederersstandenen Dresdner Frauenkirche gegeben, woran Sie auch persönlich großen Anteil hatten. Fühlen Sie in dieser Kirche mit dieser herrlichen Musik manchmal noch so einen heiligen Schauer?
Beim Eröffnungskonzert war das schon so, diese Architektur und Malerei..., aber jetzt ist das schon normal. Dieser Neuafbau hat ja auch etwas Künstliches. In Dresden entsteht ja sehr viel: Der Neumarkt wird wieder gestaltet, das alte Zentrum entsteht wieder als Ganzes. Gegenwärtig is der Kulturpalast allerdings wegen Asbest geschlossen. Die Stadt tut sich mit der Finanzierung schwer. Die Philharmonie muss in der Messe spielen – ein unhaltbarer Zustand. Ein neuer Konzertsaal wäre da schon sehr schön.

Herr Kammersänger, was machen Ihrer Söhne, laufen sie in den Fußstapfen des Vaters?
Mein Großer ist Tonmeister beim Münchener Rundfunk und in seinem Beruf sehr ehrgeizig. Mein jüngerer Sohn ist Tenor, mit dem ich auch schon einmal in den USA und in Japan, woher ich gerade wieder komme, die Matthäuspassion gemacht habe. Aber mein Leben, so wie ich es geführt habe, ist ihm wohl zu stressig. Ansonsten gehören zu unserer Familie sechs eigene und noch drei hinzugewonnene Enkel, die ich gelegentlich um mich habe. Das ist genug. Der eine oder andere lernt ein Instrument, aber ganz leger.

Es wäre schön, wenn man Sie häufiger im Fernsehen, z.B. mal in einer Talkshow sehen und hören könnte. Für viele gehören Sie ja seit Jahrzehnten zum musikalischen Leben.
Angebote gab’s schon, aber das ist nichts für mich.

Das Gespräch führte Eveline Figura.

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