2010 - 2012



- 60 Promis für ein Kulturkraftwerk
- „Ich war egoistisch“
- ZING Magazine reader visits the master class given by Peter Schreier
- Star-Tenor​ Peter​ Schreier​ - Operation an der ​Halsschlagader
- Der Herr Kammersänger und das Unikum
- Mein Bruder wollte mir Niere schenken
- Kino im Theater
- Laudatio Brigitte Fassbaender
- Hugo-Wolf-Medaille an Peter Schreier verliehen
- Die Gewandhaus-Gala der großen Gesten
- Beim Spielen muss man „mitsingen"
- Meisterklasse! Ein Abend mit Peter Schreier
- Müßiggehen, schreddern, ein bisschen dirigieren
- Meißen gratuliert Startenor Peter Schreier
- Der Tamino aus Dresden
- Tenors Timing
- "Ich bin kein gutes Beispiel"
- Einer vom alten Schlag und Maßstab in allem, was Gesang heißt
- Musik ist wirklich das Paradies für mich
- Der Unverkennbare: Morgen feiert der Tenor und Dirigent Peter Schreier seinen 75. Geburtstag
- Star-Tenor Peter Schreier: Alleinsein ist gut für die Liebe
- Peter Schreier: Müßiggang statt Sängerstress
- „Wenn ich nahe an den Tränen bin, dann bei der Musik von Schumann“
- Matthäus-Passion mit Peter Schreier in Den Haag
- Not-OP bei Star-Tenor Peter Schreier


2015 2013-2014 2010-2012 2007 - 2009 2006
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Sächsische Zeitung 14.12.2012
60 Promis für ein Kulturkraftwerk
Der Startenor und Dirigent Peter Schreier erhofft sich von dem Kulturkraftwerk eine Belebung des Stadtzentrums.

Der Wind schießt zwischen den Backsteinmauern durch, der Boden ist gefährlich glatt, und die Handschuhe fehlen. Peter Schreier stieben die Schneeflocken ins Gesicht. Dennoch lässt es sich der 77-jährige Startenor nicht nehmen, direkt vor Ort für das Kulturkraftwerk Mitte zu werben. „Wenn Dresden aus seiner Provinzialität heraus will, muss hier etwas getan werden“, sagt Schreier.

Der Kammersänger, Dirigent und Hochschulprofessor kommt richtig ins Schwärmen, während er mit seiner Frau Renate über das Drewag-Gelände läuft. Dass etwa die Musikhochschule gern Lehrer in der alten Fabrikantenvilla ausbilden will, gefällt ihm. „Das ist ja ein Katzensprung bis zum Campus.“ Für ihn ist das Kulturkraftwerk jedenfalls „eindeutig mehr als nur eine neue Spielstätte für Operette und Theater Junge Generation.“ Dresden als traditionelle Kulturstadt brauche dieses neue kulturelle Zentrum. „Das Stadtzentrum würde weiterentwickelt. Hier ist derzeit ja nichts los“, erklärt er später bei einem Kaffee in der Musikhochschule.

Mit der Verabschiedung des geplanten Haushaltes steht und fällt das Projekt Kulturkraftwerk. Und weil gerade wieder alles offen ist und die Mehrheiten wackeln, hat sich eine Initiative für das Kunstkraftwerk gegründet. Den Aufruf dafür haben Ekkehard Klemm, der Rektor der Musikhochschule, und Trompeter Ludwig Güttler verfasst: Neben der kreativen Entwicklung des Areals profitiere die Stadt auch davon, dass Arbeitsplätze für 1000 Menschen entstehen und Investitionen in Höhe von 200 Millionen Euro folgen könnten. „Erwecken wir diese Idee endlich zum Leben!“, schreiben sie. „Die Diskussion um das Kulturkraftwerk drehte sich nur noch um Geld. Wir wollten auch wieder einen inhaltlichen Impuls setzen“, sagt Mitinitiator Stefan Goerlich. Über 60 Prominente sind dem Aufruf gefolgt und haben unterzeichnet.

„Ich gebe meine Stimme ganz bewusst dafür ab, um damit vielleicht noch zaudernden Stadträten zu zeigen, wie wichtig dieses Projekt für die Stadt ist“, sagt Peter Schreier. Er verfolge die Idee schließlich schon seit Jahren. „Es überrascht mich jedes Mal, wie schnell bereits gefasste Beschlüsse wieder verworfen werden.“ Es sei „provinziell“, sich um ein innovatives Projekt so lange zu streiten, findet er. Der Dresdner Dirigent hat einen Wunsch: „Ich würde das schon gern noch erleben.“ Dafür stapft er sogar gern durch den Schnee. F.S.



Opernwelt 09/10 2012
„Ich war egoistisch“

Er war der Vorzeige-Tenor der DDR. Eine Naturbegabung, die bei den Dresdner Kruzianer unter Rudolf Mauersberger den entscheidenden Schliff erhielt. Auch als Peter Schreier längst zwischen Salzburg, Wien und New York Oper sang, blieb die „oratorische“ Prägung der Stimme hörbar. Ein Gespräch über die Anfänge in Ost-Berlin, den „Mozart-Fanatiker“ Josef Krips, Wagner Debüts unter Karajan, instrumentales Singen und eine Karriere unter realsozialistischen Bedungen.
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ZING Magazine 10.2012
Blog: ZING Magazine reader visits the master class given by Peter Schreier

Voice teachers have to be singers who can themselves demonstrate what they require from their pupils; this is what sets them apart. But are the great star singers, specialists in their art, also good teachers? They certainly hear only too well what is missing in a young singer’s performance. Are they able to communicate this in a way that is easily understood?

It has been said about the great baritone Sergei Leiferkus that he, with all his experience, demands too much from young singers. I heard him at an IVC (International Vocal Competition ’s-Hertogenbosch) master class insisting upon how the Italian ‘a’ vowel in andante should be pronounced; this went on for minutes and his confused English pupil clearly did not understand what he was trying to convey. [ .... ]
What should I expect from the master class given by world-famous German tenor Peter Schreier?


Jury IVC 2012
Jury IVC 's-Hertogenbosch (09/2012)

A few details
One candidate is not able to attend and so the two other singers who remain get extra attention paid to their German Lied. Schreier, experienced singer that he is, knows what is necessary. The extrovert Norwegian tenor Erlend Tvinnereim comes onto the stage to sing from Schubert’s Die schöne Müllerin. He begins with great eagerness, but misses his goal; Schreier immediately calls him to order: “Just a few details”. Countless “details” later, a real barrage of ideas and instructions has been fired at the young tenor. “Allow it to dance! Phrase! Dynamics should be more subtle. A hunter has to take his time. Only sing angry when there is anger in the piece.” For Schreier a Lieder singer is a captivating narrator, one for whom every word counts.

Perfume
Tvinnereim’s evident facility with the German language improves with every repetition; he is a good and open pupil who is able to deal with advice, so for Schreier this is clearly an invitation to get down to work: Schumann’s Mit Myrthen und Rosen is sung quietly and soberly, with only the word Duft not receiving its due. It needs more perfume. To work, Tvinnereim! And his turn is over.

Sehr schön!
The diffident Polish baritone Artur Rozek — a young Fischer-Dieskau — leans against the grand piano. Beethoven’s Adelaïde seems to emerge from deep within him. Here, too, Schreier sees that a few small details need correcting; more than one or two even, but still details. His articulation could be better. Schreier’s commentary on this impressively subtle and experienced voice, however, soon ceases: “Sehr schön”. Rozek too sounds agitated in Schubert’s Willkommen und Abschied — what is there in Schubert that causes this? — but he is convincing nonetheless. He is more than promising; his singing is already wondrously beautiful. Schreier’s question to the young Warsaw-born baritone of how he came to perform German Lieder carries an undercurrent of astonishment that is very revealing.




Bild Zeitung
15.10.2012
Star-Tenor​ Peter​ Schreier​ - Operation an der ​Halsschlagader

Dresden. Erst die schwere Bypass-OP Anfang 2010, dann bedrohliche Nierenprobleme – jetzt musste sich Welt-Tenor Prof. Peter Schreier (77) wieder einer gefährlichen OP unterziehen. ​

Die Wunderstimme des 20. Jahrhunderts zu BILD: „Ärzte stellten fest, dass meine Halsschlagader verstopft ist, kaum Blut fließt.“​ Höchste Gefahr! Durch die Verengung der Halsschlagader (Arteria carotis) wurden Gehirn und Augen zu wenig durchblutet. Es drohten Seh- und Sprachstörungen, Lähmung, Schlaganfall.​

Schreier: „Ich hatte Glück, sofort von der bekannten Gefäßchirurgin Dr. Felicitas Zimmermann vom Friedrichstädter Krankenhaus operiert zu werden. Durch einen acht Zentimeter langen Schnitt rechts am Hals holte sie die Ader raus, entfernte alle Ablagerungen.“​

Inzwischen hat er die OP gut verkraftet. Schreier: „Ich fühle mich schon wieder so kräftig, dass ich diese Woche einen Meisterkurs in Brüssel gebe.“​
Jürgen Helfricht



Sächsische Zeitung 27.06.2012
Der Herr Kammersänger und das Unikum
Premiere für Peter Schreier: Der Star dirigiert zur Schumanniade Kreischa einen unbekannten Bach.

Robert Schumann war ein Fuchs und aus heutiger Sicht ein Verschwender. Das findet zumindest Kammersänger Peter Schreier. Um seinerzeit dem Publikum den damals unbekannten Bach vorzustellen, hatte Schumann Stücke von ihm modernisiert. So tauchen etwa in der Johannespassion effektvoll Klarinetten und Trompeten auf – wenn auch teils nur ganz kurz.

Peter Schreier, der die Johannespassion mit den Kapellsolisten am Wochenende dirigiert, sagt: „Ich muss zwei Trompeter für gerade mal zehn Takte engagieren.“ Diese durchaus interessante Johannespassion erklingt bei der bevorstehenden Schumanniade Kreischa. Dieses kleine Festival, von einem Verein getragen und von Schreier als Ehrenvorsitzender geprägt, feiert seit 1999 den mitunter unterschätzten Komponisten. Interpretiert werden vor allem jene Werke, die bei den Aufenthalten der Schumanns in Dresden und Kreischa zwischen 1844 und 1850 entstanden sind. Diesmal sind von Freitag bis Sonntag im Schloss Reinhardtsgrimma und in der Kirche Kreischa neben der Bach-Passion die Bunten, Spanischen und Märchenlieder zu erleben sowie Klaviermusik für vier Hände mit Camillo Radicke und Christoph Berner.

Auch der MDR will Peter Schreier hören. Allerdings in einer Gesprächsrunde vor dem Lied-Konzert. Der Star diskutiert mit Kollegen und Medizinern über die intime Form des Liedes. „Obwohl ich ja kein großer Freund von viel Gerede bin“, sagt er, „aber diese Runde ist eine wunderbare Idee.“ Bernd Klempnow



Bild Zeitung 25.06.2012
Star-Tenor Peter Schreier (76)
Mein Bruder wollte mir Niere schenken
Jürgen Helfricht

Dresden/Pirna. Er galt als Wunderstimme des 20. Jahrhunderts, feierte weltweit Triumphe. Bis heute dirigiert er, veranstaltet Meisterkurse und sitzt europaweit in Jurys: Star-Tenor und Kammersänger Professor Peter Schreier (76).

Bevor am Freitag sein Festival „Schumanniade“ in Kreischa beginnt, empfing der Meister BILD in seinem Landhaus. Dort verriet er ein schockierendes Geheimnis: „Letztes Jahr versagten meine Nieren.“ Eine Folge der Narkose bei einer Herz-OP 2010 (BILD berichtete).
Schreier: „Sofort rief mein Bruder Bernhard (73) aus Nürnberg an, wollte mir eine seiner Nieren spenden. Doch so weit kam es nicht. Kurz vor einer Organtransplantation kriegten die Ärzte mich wieder so hin, dass es noch 25 Jahre geht.“

Peter Schreier & Penny (BILD)
Photo: BILD
Nach drei Monaten Entspannung in seiner Villa auf den Kapverden (Afrika) gehört nun seine Aufmerksamkeit dem Garten und der Fußball-EM: „Ich arbeite mich gerade als Winzer ein, hege Spalierwein.
Mit Hündin Penny (6) sitze ich gern vorm Bildschirm, verpasse kein Spiel der EM. Sie bellt wie verrückt, wenn ein Tor fällt.“

Vor allem genießt er sein Leben:„Es ist wohltuend, nicht mehr 250 Tage jährlich verplant zu sein. Ich beneide auch nicht die Kollegen, die gegen die Ost-Konkurrenz bestehen müssen. Wenn ich die Musikhochschulen besuche, frage ich mich angesichts asiatischer Studentenheere, ob ich gerade in China bin.“

Bei seinem Festival zu Ehren Robert Schumanns, gibt es fast nur europäische Musiker. Schreier: „Staatskapellmitglieder musizieren z. B. im Schloss Reinhardtsgrimma. Ich selbst dirigiere die von Schumann bearbeitete Johannespassion in der Kreischaer Kirche.“



Mitteldeutsche Zeitung 07.05.2012
Kino im Theater
Bad Lauchstädt. Er muss gar nicht singen, um die Menschen in seinen Bann zu ziehen. Wenn Peter Schreier auf der Bühne steht, ja selbst wenn er plaudernd am Tisch sitzt, hängen ihm die Zuhörer an den Lippen. Ein Mann, der herzlich lacht, gestikuliert, die Arme ausbreitet, schmunzelt, die Brauen hebt, den Kopf wiegt, widerspricht, erzählt - da wirkt nichts gekünstelt oder herablassend. Seine Ausstrahlung ist die eines Stars, seiner ehrlichen, bescheidenen Art wegen hat ihn das Publikum immer geliebt.

2005 hat sich Peter Schreier als 70-Jähriger von der internationalen Bühne als gefeierter lyrischer Tenor verabschiedet. Bei seinen Auftritten in jenem Jahr begleitete ihn die Dokumentarfilm-Regisseurin Heide Blum. Der knapp 85-minütige Film "Alles hat seine Zeit" lief am Sonnabend im Bad Lauchstädter Goethe-Theater, danach stellte sich der Dresdner den Fragen seines langjährigen Freundes Hans John, mit dem er einst im Kreuzchor sang. Und auch das Publikum durfte Anfragen stellen. Wie oft er die "Zauberflöte" gesungen habe? Schreier bedauert mit charmantem Lächeln. Er führe keine Statistik. Vielleicht 400 bis 500 mal?

Peter Schreier_052012

Im Film, über dem nur ein leichter Hauch von Abschiedsstimmung liegt, tritt Schreier als Sänger und als Dirigent auf - letzteres übrigens bis heute. "Beim Singen bin ich für mich allein verantwortlich, als Dirigent für einen großen Apparat", beschreibt er den Unterschied und gesteht: Am liebsten habe er gesungen und besonders gern in kleineren Räumen. "Das Lied lebt von der intimen Atmosphäre", glaubt Peter Schreier und erklärt das so: Mit einem Lied wolle er ein Gedicht wiedergeben, eine Geschichte erzählen. Ein Lied verlange "hohes Können, saubere Arbeit, gepaart mit innerer Spannung." Da sei ein pompöses Opernhaus nicht der passende Ort dafür.

Ein hoher Anspruch, den er stets zuerst an sich stellte - wie es auch im Film zu sehen war. Da erlebten die Zuschauer den Sänger in einigen seiner besten Parts. Als Schubert- und Schumann-Interpret in Wien und Prag, als Dirigent und Evangelist in Bachs Passionen. Und als Mann, der sich seiner Heimatstadt Dresden zu jeder Zeit innig verbunden fühlte, auch als die Mauer noch stand. Übers "Weggehen" habe er zwar mal nachgedacht, aber ein Thema sei es nie gewesen.

Zum heutigen Kunstbetrieb geht der Kammersänger etwas auf Distanz, hält sich - ganz Ehrenmann - mit offener Kritik aber zurück. Opernaufführungen besuche er kaum noch, gehe lieber in Konzerte. Was er vom Starkult halte, ob die Einbindung in ein Ensemble nicht besser sei? Da gebe es Für und Wider, findet Schreier. Aber: "Das Publikum will es so." E.J.



Internationale Hugo-Wolf-Akademie 2011
Brigitte Fassbaenders Laudatio auf Peter Schreier hat alle Besucher der Liedmatinee am 2. Oktober 2011 tief bewegt und im Innersten gerührt - und wesentlich dazu beigetragen, dass dieser Vormittag für alle Beteiligten ein unvergessliches Erlebnis wurde.
Auf vielfache Nachfrage und Wunsch veröffentlichen wir (= die H.Wolf Akademie) den Wortlaut der Laudatio und danken Frau Fassbaender herzlich, dass Sie das Manuskript ihrer Laudatio zur Verfügung gestellt hat: bitte hier klicken / please click here



Internationale Hugo-Wolf-Akademie 10.2011
Hugo-Wolf-Medaille an Peter Schreier verliehen
Stuttgart. Im gut besuchten Opernhaus vor fast 700 Besuchern wurde am Sonntag, den 2. Oktober 2011 die Hugo-Wolf-Medaille der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie an KS Prof. Peter Schreier verliehen.

Schreier-Fassbaender_Stuttgart

Mit Brigitte Fassbaender hielt eine Weggefährtin und enge Kollegin von Peter Schreier eine Laudatio auf den brühmten Bach- und Mozart-Interpreten, der vor allem auch mit seinen Liedinterpretationen von Schubert bis Wolf sein Publikum im Innersten anrühren konnte. Nicht zuletzt hierfür wurde Peter Schreier vor einem bewegten Publikum mit der Medaille geehrt.



Bild 26.09.2011
Die Gewandhaus-Gala der großen Gesten
Leipzig – Der Glamour fehlte, doch diesmal hat ihn keiner vermisst: Die Verleihung der Mendelssohn-Preise 2011 an den Sänger Prof. Peter Schreier (76) und den Kritiker Prof. Marcel-Reich-Ranicki (91) im Gewandhaus war ein ergreifendes Erlebnis.

Ehrendirigent Prof. Kurt Masur (84), selber schwer krank, hielt aus dem Stegreif eine liebevolle Hommage an seinen Freund Peter Schreier: „Er singt immer so, wie es gesungen werden muss, und wenn man es anders singt, ist es falsch. Wenn er die Matthäus-Passion singt, dann glaubt man ihm einfach. Wir haben hier den Fall von einem, der nicht Star sein möchte und doch einer der größten ist. Mich fasziniert die Natürlichkeit, die Überzeugungskraft – dass er einfach da ist und man glaubt ihm und man liebt ihn.“

Peter Schreier - Kurt Masur, 25.09.2011 (Bild)
Photo: Bild

Schreier: „Ich habe eine gewisse Genugtuung, mein Leben nicht vergeudet zu haben.“ Und: Behalten Sie mich in Erinnerung, wie Sie mich vor zehn Jahren gehört haben.“
So wird es sein. (....)



Freie Presse 09.06.2011
Beim Spielen muss man „mitsingen"
Robert-Schumann-Preisträger 1969 Peter Schreier über Robert-Schumann-Preisträger 2011 Andräs Schiff

Zwickau. Die Lobrede auf den Schumann-Preisträger 2011, den Pianisten András Schiff, hat gestern bei der Preisverleihung im Robert-Schumann-Haus der Dirigent und Kammersänger Peter Schreier gehalten. Torsten Kohlschein unterhielt sich mit ihm über den Preisträger und darüber, was einen guten Pianisten ausmacht.

Freie Presse: Herr Schreier, Sie waren 34 Jahre alt, als Sie 1969 den Robert-Schumann-Preis erhielten. András Schiff, der ihn heute erhält, ist zu diesem Zeitpunkt mehr als 20 Jahre älter als Sie damals. Wie hat sich der Preis seit damals gewandelt?
Peter Schreier: Vielleicht ist er internationaler geworden. Aber im Fall András Schiff muss ich sagen: Der ist längst überfällig.

Sie und András Schiff haben zahlreiche Liedwerke zusammen eingespielt. Seit wann kennen Sie sich?
Wir sind uns zuerst Ende der 80er Jahre bei der Schubertiade in Feldkirch in Österreich begegnet. Ein Festival, das sich speziell auf den Liedgesang verlegt hat. Dort fing unsere gemeinsame Arbeit an und wir haben dann regelmäßig Liederabende bei der Schubertiade, in ganz Europa und in Amerika gegeben. Das wurde zu einer wunderbaren Zusammenarbeit und einem freundschaftlichen Miteinander.

Was macht einen guten Liedpianisten aus?
Dass er mitsingt. Schiff hat in den frühen Jugendjahren gelernt, nicht nur das Klavier zu spielen, sondern auch im Geiste mitzusingen, was oben passiert. Das ist eigentlich für jede Musizierart sehr wichtig - dass man „singt" beim Spielen. Dass man auf die körperliche Bereitschaft des Sängers Acht gibt. Wo er atmen muss. Dass muss man erkennen.

Muss man sich als Pianist entscheiden zu begleiten oder als Solist zu agieren?
Nein, ich finde, Liedbegleitung und Kammermusik sind Pflicht für jeden guten Pianisten. Das gehört zu den Voraussetzungen für einen Musiker.

Welche Gabe hat András Schiff, dass ihm beides gelingt?
Er gestaltet die Themen so wunderbar, zum Beispiel bei Bachs „Wohltemperiertem Klavier", dass er ganz analytisch und durchsichtig klingt - und nie vordergründig und mit Selbstdarstellung. Er steht immer hinter dem Werk. Das Werk ist für ihn das Wichtigste.

Sie sind heute auch im Schumannhaus um sich Originalhandschriften von Schumann anzusehen. Welche genau?
Robert Schumann hat 1851 in Düsseldorf die Johannespassion von Bach eingerichtet. Seine Bearbeitung umfasst interessante instrumentale Arrangements. Das Original liegt hier. Ich will diese Fassung kommenden Jahr bei der Schumanniade in Kreischa zur Aufführung bringen.



Musikverein Wien Monatszeitung 02.2011
Meisterklasse!
Ein Abend mit Peter Schreier

Es war ein großer Liederabend des Peter Schreier, eine Sternstunde – wie so oft, wenn Schreier als Liedsänger das Podium betrat. Diesmal freilich sang er nicht selbst. Er ließ singen – aber so, wie er es tat, wurde seine Liedkunst einmal mehr aufs Schönste offenbar. In jeder Hinsicht: Meisterklasse!

„Mein Herr! Der Singer Meisterschlag gewinnt sich nicht an einem Tag.“ David singt davon in den „Meistersingern von Nürnberg“, und oft und oft hat ihm Peter Schreier seine Stimme geliehen. Nun eröffnete Schreier, Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde, die Saison im Zyklus „Meister.Singer“ mit einer Meisterklasse im Gläsernen Saal. Dass sich der Singer Meisterschlag nicht an einem Tag gewinnt, blieb dabei unbestritten. Atemberaubend aber war, was sich an einem Abend gewinnen lässt, wenn ein Meister wie Schreier seine Kunst vermittelt.

2005 hatte sich Peter Schreier als Sänger von den Podien der Musikwelt verabschiedet und Wiens Musikfreunde noch einmal mit einer „Schönen Müllerin“ und einer „Winterreise“ beglückt – gefeiert, umjubelt, mit tränenfeuchten Augen bedankt vom Musikvereinspublikum. Viele, die nun zu seiner Meisterklasse gekommen waren, hatten wohl einen Anflug von Nostalgie im Herzen, als sie den Gläsernen Saal betraten. Aber Schreier ließ Sentimentalitäten erst gar nicht aufkommen. Er war, vom Beginn weg, mitten in seiner Kunst: leidenschaftlich, präzise, unermüdlich. „Nur nicht nachlassen!“, rief er den angehenden Meistersingern zu. „Man muss sich schon fordern!“, „Das ist zu wenig!“, „Das muss dich wahnsinnig anstrengen!“

Hinter dem, was bei großen Meistern wie Peter Schreier so selbstverständlich daherkommt – grad so, als könne es nur so und nicht anders sein –, steckt minuziöseste Arbeit an jedem Wort, an jedem Ton, an jeder Nuance des Textes und der Musik. Der Teufel, sagt man, steckt im Detail. Mag sein. Aber auch der Himmel steckt darin. Schreier ließ ihn aufgehen, diesen Himmel des romantischen Lieds, gerade weil er keinem seiner Schüler die Lizenz gab, sich singend im pseudoromantischen Ungefähr zu verlieren. Romantik heißt Tiefe – und die ist ohne Genauigkeit nicht zu haben, nicht ohne Detailschärfe, nicht ohne größte Achtsamkeit auf das, was eigentlich gesagt werden soll. „Erzähl es!“ Schreier lenkte Augen, Ohr und Sinn auf die Geschichten, die Schubert, Schumann, Brahms und Wolf in Töne gegossen haben. Farbe, Plastizität, die Lust am Perspektivenwechsel – all das, was die Kunst des Liedsingens ausmacht – gründet im Verständnis dessen, was zur Sprache kommen soll. Wer singen will, muss etwas zu sagen haben. Peter Schreier ist darin noch immer der unangefochtene Meister.

So wurde dieser Abend zu einem großen Geschenk für Wiens Musikfreunde und selbstverständlich für die Teilnehmer dieser Meisterklasse, die von der Wiener Musikuniversität und der Konservatorium Wien Privatuniversität nominiert worden waren: Manuela Leonhartsberger (Mezzosopran), Rafael Fingerlos (Bariton), Sebastian Köchig (Tenor) und Clemens Kerschbaumer (Tenor) sowie Mehrdokht Manavi, Eva Mark-Mühlher und Stephen Delanay (Klavier).
Dass die Uhr nach dem letzten gesungen Ton schon fast drei Stunden vorangeschritten war, fiel da nicht weiters auf. Sternstunden haben ihre eigene Zeitrechnung.



Musikverein Wien Monatszeitung 11.2010
Müßiggehen, schreddern, ein bisschen dirigieren

Seine Sängerlaufbahn hat Peter Schreier vor einigen Jahren beendet, doch als Dirigent
wählt sich der heute 75-Jährige nach wie vor gern ein paar "Schmankerln" aus. So kehrt das Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien nun am Pult der Wiener Hofmusikkapelle in den Musikverein zurück und gibt - wenige Tage davor - eine Meisterklasse.

Wer Peter Schreier in seinem Dresdner Domizil besuchen will, braucht entweder ein tapferes Auto oder ausreichend eigene Puste: Steil windet sich die alte, schmale Pflasterstraße den Elbhang hinauf. Majestätisch ragen alte Bäume in den stahlblauen Himmel - Naturidyll in der Halbmillionenstadt. Des Kammersängers Haus hockt eher unauffällig am Berg. Umso großzügiger ist der Blick ins Gartengrün, der sich vom Wohnzimmer aus auftut. Dass Peter Schreier ihn heute, nach einem erfüllten fahrenden Künstlerleben, in vollen Zügen genießt, kann man nur zu gut verstehen. Dem Garten gebietende Hand zu sein, Holzabfälle zu schreddern, am Landhaus außerhalb Dresdens den Traktor über die Wiesen zu fahren - der weltberühmte Sänger liebt es, ist der Natur tief verbunden. "Ich denke manchmal: Wenn ich nochmal auf die Welt komme, werde ich Landwirt." Doch vor allem lobt sich der nach wie vor auch sehr fußballbegeisterte Künstler an seinem jetzigen Dasein den Müßiggang: "Ich werde langsam bequem und genieße das auch, denn ich habe das Gefühl, mein Soll erfüllt zu haben."

Alles zu seiner Zeit 
Womit er wohl recht hat. Vier Jahrzehnte lang war der Tenor mit dem unverwechselbaren Stimmtimbre auf den Bühnen der Welt zu Hause, war als Oratorien und Liedsänger wie als Operndarsteller unterwegs zwischen Berlin, Wien, New York, Mailand. Und im Sommer in Bayreuth oder Salzburg. Wie oft wird er seinen Geburtstag am 29. Juli weit weg von zu Hause verbracht haben? Den 75. in diesem Jahr feierte er daheim, mit Familie und Freunden auf einem alten Schaufelraddampfer auf der Elbe. Und natürlich zusammen mit dem ebenfalls 75. Geburtstag seiner Frau Renate, die am selben Tag im Jahr 1935 geboren wurde. In der Dresdner Kreuzschule - in jener Zeit, in der das Singen im Kreuzchor Peter Schreiers künftigen Weg vorbestimmte - hatten sich ihre Wege einst verknüpft.

Nach seinen Kruzianer-Jahren absolvierte der in Meißen geborene Kantorensohn Peter Schreier ein Gesangs-, Chorleitungs- und Dirigierstudium in Dresden. Die Stadt blieb ihm Heimat. Hier war er Mitglied im Nachwuchsstudio der Oper, hier erhielt er das erste reguläre Engagement. Und hier blieb der Sänger wohnen, obwohl er 1963, inzwischen Vater zweier Söhne, an die Staatsoper Berlin wechselte und diese ihm schließlich zum Sprungbrett zu den Bühnen der Welt wurde.

Dem Ganzheitlichen frönen 
Ganz gelassen hat Peter Schreier von deren Brettern noch nicht, wiewohl er vom Singen vor fünf Jahren Abschied nahm - "ohne Wehmut", wie er damals wie heute betont. Vier, fünf Mal im Jahr nämlich tritt Schreier noch ans Dirigentenpult. Dieser Art des quasi ganzheitlichen Einflusses auf das usikalische Ergebnis frönte der Tenor seit Ende der 1960er Jahre parallel zu seinen Auftritten als Sänger und reüssierte auch auf diesem Gebiet.

Aus immer noch etlichen Angeboten wähle er sich heute "die Schmankerln" aus. So wie im November die zwei Konzerte mit der Hofmusikkapelle im Wiener Musikverein. 2011 sollen Händels "Messias" mit den New Yorker Philharmonikern, Bachs "Matthäuspassion" in São Paulo und Haydns "Jahreszeiten" in Helsinki folgen. Außer als Dirigent ist Prof. Schreier zudem als Mentor in Meisterkursen nach wie vor gefragt: 2010 in Brüssel, Südtirol - und ebenfalls in Wien.

"Ein bissl Wiener" 
Mit der Donaumetropole verbindet der mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrte Sänger viele, viele gute Erinnerungen: "In Wien begann eigentlich meine internationale Laufbahn. Ich hatte das Glück, vom damaligen Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde, Prof. Rudolf Gamsjäger, in Berlin gehört und sofort für Bachs h-Moll-Messe im Musikverein engagiert zu werden. Darauf folgten ja neben regelmäßigen Auftritten im Musikverein einige Inszenierungen an der Staatsoper, und wenn man sechs Wochen für die Probenphase da ist, wird man schnell ein bissl Wiener. Ich schätze diese Stadt sehr, liebe die Leichtigkeit des Seins. Und natürlich den Heurigen", schwärmt der Künstler. Dass er 1986 in Wien zum Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde ernannt wurde, sei ihm eine "unglaubliche Genugtuung" gewesen, fühlt sich Peter Schreier noch heute geehrt.

Worauf es ankommt 
Auf die Konzerte mit der Hofmusikkapelle freut er sich jedenfalls sehr. Auf das Programm sowieso, stehen mit zwei Messen von Mozart doch Werke eines Komponisten auf dem Programm, dem sich Schreier stets sehr verbunden fühlte. "Die Krönungsmesse habe ich natürlich sehr oft gesungen. Bei meinem Dirigat strebe ich an, sie aus der Nur-Liturgie herauszulösen, das konzertante Element zu betonen, die einzelnen Abschnitte über Tempi und Sprachbehandlung in starke Beziehungen zueinander zu setzen", gewährt Schreier einen Einblick in seine Intentionen.

Bevor jedoch die Konzerte auf dem Plan stehen, wird der Kammersänger Wiener Gesangsstudenten zu einer Meisterklasse laden, Thema: "Das romantische Lied". Schreier rückt in solch kurzen Begegnungen mit ihm bis dato unbekannten jungen Sängern die Intensität der Darbietung, die Gestaltung eines Liedes oder einer Arie in den Mittelpunkt, hofft, vermitteln zu können, dass der Kontakt zum Publikum viel wichtiger ist, als nur eine schöne Stimme zu haben.

Des Dirigenten Sängerseele 
Jene Intensität der Gestaltung ist denn auch das Stichwort, bei dem sich im Dirigenten Schreier gelegentlich doch die Sängerseele wieder regt: "Wenn ich bei einer"Matthäuspassion" einen Evangelisten habe, der den Part innerlich völlig unbeteiligt singt, macht mich das schon kribbelig." Dass seine eigenen Evangelisten-Interpretationen für viele Musikliebhaber bis heute ultimativ sind, kommentiert der stets bescheiden gebliebene Sänger so: "Wenn sich die Leute tatsächlich daran erinnern, ist mein Glaube an die Bach´sche Musik befriedigt."

Dass Peter Schreier mit seinem Interpretationsansatz nicht bei allen wohl gelitten war, ist ihm klar. "Etliche sehen den Evangelisten vorrangig als teilnahmslosen Betrachter, der eine sachliche Darstellung der Geschehnisse liefert. Ich sehe ihn als engagierten Verkünder des Evangeliums, und dazu gehört eine expressive Darstellung mit persönlicher Aussage. Mit John Eliot Gardiner zum Beispiel habe ich darüber heiß diskutiert." So oder so - Schreier, der den Evangelisten unter Größen wie Karl Richter, Herbert von Karajan, Nikolaus Harnoncourt, aber auch in von ihm selbst geleiteten Aufführungen gesungen hat, sieht es als Glück an, den Stilwandel in der Bach-Rezeption über so viele Jahre miterlebt und mitgestaltet zu haben. "Diese Entwicklung hat meinen künstlerischen Weg sehr bestimmt."

Eloquenz und Ungeduld 
Auch wenn er mit Bach, all den anderen Partien, all den Liedern sein Soll erfüllt hat und von all dem Geleisteten heute zu zehren weiß: Peter Schreier lebt sie nach wie vor, die Musik. Und wenn es im heimischen Sessel ist, wo er sich mit Partitur oder Klavierauszug auf den Knien etwa Wagners "Siegfried" anhört. Ein Mal ist er sogar seinem Vorsatz untreu geworden, nicht mehr zu singen: für eine Wiegenlieder-Edition nahm er - wiewohl es ihm nach all den Jahren der Trainingsabstinenz nicht leicht fiel -"Weißt du, wieviel Sternlein stehen" auf. "Ich wollte noch einmal eine Lanze brechen für das so im Argen liegende deutsche Volksliedgut", begründet Schreier, der gerade auch dieses Genre stets so schlicht wie eindringlich zu intonieren wusste.

Sein Rentnerdasein jedenfalls ist längst kein ausschließliches. Die riesige Schallplatten und CD-Sammlung harrt der Ordnung und Archivierung. "Und eigentlich liegt es mir ja auch noch am Herzen, einmal etwas über Bachs Passionen zu schreiben, aber bislang fehlt mir das Sitzfleisch für so etwas. Erzählen, ja, aber niederschreiben? Ich bin kein sehr geduldiger Mensch", gibt der eloquente Künstler zu. Gerade darum stehen die Chancen ja vielleicht nicht schlecht, dass Peter Schreiers verdienter Müßiggang neuerliche Unterbrechungen erfährt. S.G.



Sächsische Zeitung 30.07.2010
Meißen gratuliert Startenor Peter Schreier

Voll ins Schwarze getroffen hat gestern Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) mit seiner Geschenkauswahl für den Sänger Peter Schreier. „Da er und seine Frau leidenschaftliche Kaffeetrinker sind, kamen wir mit unseren beiden Meissener Kaffeetassen sehr gut an“, so Raschke.
Als Gratulant überbrachte er dem Ehrenbürger der Stadt zu dessen 75. Geburtstag die herzlichsten Glückwünsche und Grüße der Stadt Meißen, der Stadträte sowie aller Einwohner. Anschließend habe sich Peter Schreier sehr genau nach Meißner Themen wie dem Aufzugsbau an der Albrechtsburg oder dem Pianoforte-Festival erkundigt, sagt Raschke.

Der Kammersänger und Musikprofessor Peter Schreier war 1996 zum Ehrenbürger Meißens ernannt worden. Die Stadt würdigte damit seinen Einsatz für Meißen, insbesondere sein Engagement für das Kuratorium „Rettet Meißen – Jetzt!“. Durch seine Benefizkonzerte hatte er es ermöglicht, Gebäude wie das Torhaus oder das Prälatenhaus zu sanieren. Peter Schreier wurde 1935 in Meißen als Sohn eines Kantors geboren.



Badische Zeitung 29.07.2010
Der Tamino aus Dresden
Zum 75. Geburtstag des Tenors Peter Schreier, der häufig in Freiburg auftrat

Von den Zehen bis zur Haarspitze war dieser Körper nachgerade elektrisiert. Ein musikalisches Beben. Peter Schreier als Evangelist in den oratorischen Werken Bachs – das musste man erlebt haben. In jenen Partien, die er beim Freiburger Bachchor unter Theodor Egel und Hans Michael Beuerle so oft sang. Nein, nicht nur sang, sondern höchst expressiv ausfüllte. Schreier war als Evangelist kein beamtischer Chronist, sondern ein vom unerhörten (Passions-)Geschehen zutiefst ergriffener, nachempfindender Reporter. Und das eben bei Partituren, von denen er hörbar jeden Notenhals kannte.

Bach, den er etwa auch in der romantisierenden Münchner Lesart Karl Richters interpretierte, verschaffte ihm, dem von Rudolf Mauersberger entdeckten einstigen Dresdner Kreuzchoristen, Weltruhm. Daneben war es auch immer wieder Mozart, mit dem er reüssierte. Vor allem als Tamino, auf der Opernbühne die wichtigste Rolle seiner Karriere. Damit verabschiedete er sich auch im Jahr 2000 von der Berliner Staatsoper Unter den Linden, die ja gleichsam sein Haus war.

Peter Schreier, Photo DPA
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Schreier – das ist der so uneitel, so intelligent und hoch sensibel gestaltende Tenor, dem Natürlichkeit und Körperlichkeit beim Singen ein hohes Gut waren. Bei dem man Disziplin spürte. Schreiers Stimme – das ist der einst helle, obertonreiche Tenor, der peu à peu an Fülle und Tiefe gewann. Schreier brachte seine Tugenden ein: im Oratorium, international bei der Oper, auch beim Lied. Sogar der Tenorpensionär ließ sich nicht lange bitten, als es für das auf CD dokumentierte Wiegenliederprojekt des Stuttgarter Carus-Verlags (wir berichteten) einen Beitrag zu leisten galt. Sein Favorit: "Weißt du, wie viel Sternlein stehen". Neben dem Singen hat sich der gebürtige Meißener erfolgreich als Dirigent betätigt. (....) J.A.


Neues Deutschland 29.07.2010
Tenors Timing
Peter Schreier 75

Fürs klassische Lied braucht man als Hörer vielleicht eine gewisse Sammlung Lebenszeit, um es zu genießen. Möglicherweise, weil es Zeit bedarf, um dem Romantiker im eigenen Gemüt ohne Arg und ohne kritische Hintergedanken gebührenden Raum zu lassen. Lied ist Kunst – in Hautnähe zur Künstlichkeit. Aber: diese Abgehobenheit als Tugend, als Maß, als edle Bemächtigungsgebärde wider die Welt, die nicht gesangvoll, sondern nur geräuschvoll ist.

Peter Schreier freilich sang so, als ob es diese Abgehobenheit nicht gäbe. Leicht, ohne explizite Anrufung des Höheren, ohne implizite Beschwörung des Tempeltons. Dieser lyrische Tenor sang natürlich, dies entsprach, wie es der Musikwissenschaftler Jürgen Kesting formulierte, »einer Forderung der frühromantischen Ästhetik: Kunst als absichtslose Natur erscheinen zu lassen«. Und der Gesang erzählte sehr unumwunden selbstverständlich vom Gleichgewicht zwischen Religion und Emanzipation, als könne da einer die Wunder Bachs (Schreier sang oft dessen Evangelisten der »Matthäus-Passion«) in alle kommenden Zeiten hinein verlängern. Als könne er wenigstens ein Lied davon singen.

Besagte Natürlichkeit, ja Unangestrengtheit noch im aufwühlend Tragischen hat diesen Sänger nie zu wahrhafter Hochdramatik in der Oper geführt. Sein Feld war nicht der Zusammenprall, er blieb in schönstem Sinne weich, poetisch. Virtuos. Er sang Wagner, Beethoven, Schumann, den gesamten Schubert. Du hörst, und Lebensangst ist gedämpft, ohne die Todesangst zu verleugnen.

Schreier, 1935 in Meißen geboren, Sohn eines Lehrers und Kantors, kam zehnjährig zum Dresdner Kreuzchor – dessen Leiter Rudolf Mauersberger ihm solistische Altpartien anvertraute. Nach seinem Gesangsstudium gehörte Schreier Jahrzehnte lang dem Ensemble der Staatsoper in Berlin an. Ein Triumphator, weltweit, mit Mozart, in späteren Jahren auch Chor- und Orchesterdirigent (Karajan zeigte sich beeindruckt, »lieh« ihm konzertweise seine Berliner Philharmoniker).

Musik dringt anders in uns ein als Sprache. Unmittelbarer, vernunftfreier. Sprache bleibt jenseits allen Ausdrucks doch: Mitteilung. Musik teilt nicht mit. Mit Musik teilen wir eine Empfindungsvollkommenheit, die nirgends sonst möglich ist. Musik überwältigt wirklich, und Hörers Sieg ist die beglückende Kapitulation. Wenn eine Musik endet, erleben wir, wie es Martin Walser sagt: »Armut«.

Peter Schreier sang sich ins Bleibende, und wenn Musik die einzige große Freiheit außerhalb der Gedanken ist, dann ist dieser Sänger gleichsam ein Freiheits-Held. Nicht Heldentenor. Mehr. Ein Bote des schöngemachten Schmerzes. Arbeiter im Bergungsdienst für ausgesetzte Seelen.

Stets wurde seine Stimme ob ihrer Alterslosigkeit gerühmt. Aber er hat sich nicht verführen lassen, den Zeitpunkt seines Bühnenabschieds auch nur um die entscheidende Sekunde zu spät zu setzen. Tenors Timing bis zur letzten Tonsetzung, mit siebzig. Meisterlich. Heute wird Peter Schreier fünfundsiebzig, ihm sei herzlich gratuliert. H-D. S.



Welt Online 29.07.2010
"Ich bin kein gutes Beispiel"
Dresdner Tenor Peter Schreier mag nicht mehr singen

Das ist aufrichtige Selbstkritik: Der Sänger Peter Schreier hält sich selbst für kein gutes Vorbild in Sachen Musikerziehung. "Ich gehe nicht mit gutem Beispiel voran", räumte der 74-jährige Dresdner Tenor im Ruhestand gestern freimütig ein.

Seit seinem letzten Auftritt vor fünf Jahren singe er gar nicht mehr, auch nicht mit den Enkeln. Zwar habe er sein stimmliches Talent nach eigener Überzeugung zum Teil wohl vererbt. "Aber keiner meiner Söhne ist in meine Fußstapfen getreten", bedauert der Tenor im Ruhestand.

Die Gründe dafür hat er bereits analysiert: Es sind die besonderen Lebensumstände eines Opernsängers. "Meine Kinder haben mein Leben miterlebt und nicht unbedingt den Ehrgeiz, es nachzumachen. Sie haben daher eher ein negatives Bild vom Sängerberuf, der ja wenig Zeit für Familie lässt", so der 74-Jährige im Rückblick. Auch seine eigene Bilanz fällt eher ernüchternd aus: Peter Schreier selbst möchte nicht noch einmal jung sein und am Anfang seiner Karriere stehen. "Es ist heute ungleich schwerer als Sänger", sagte der Opernsänger, der heute einen seinem 75. Geburtstag feiert, und fügte hinzu: "Meine Laufbahn war ja durch die musikalische Erziehung in der Kindheit vorgezeichnet."

Der Sänger, der als Solist im Dresdner Kreuzchor begann, wurde von Chorleiter Rudolf Mauersberger entdeckt. Inzwischen kann Peter Schreier auf eine etwa 50-jährige Karriere auf Opernbühnen und in Konzertsälen der Welt zurückblicken.



Freie Presse 29.07.2010
Einer vom alten Schlag und Maßstab in allem, was Gesang heißt
Der Tenor Peter Schreier wird heute 75 Jahre alt - Große Erfolge auf den Bühnen und Konzertpodien in der ganzen Welt
Dresden. Maßstäbe für die Interpretation der Bachkantaten und -oratorien? Peter Schreier hat sie gesetzt. Die Tenorpartien in Mozarts Opern - Peter Schreiers sang sie von Dresden über Berlin bis Salzburg und zur Metropolitan mustergültig. Das Kunstlied - Schubert, Schumann und Brahms vornehmlich - hat mit Schreier eine neue Ära gefunden.

Kaum ein Sänger hat fast ein halbes Jahrhundert lang alle drei Bereiche der Gesangskunst auf so hohem Niveau beherrscht wie Schreier, der heute 75 Jahre alt wird. Alt wie die Bäume dort, wo er gleich in der Nähe, in Meißen, geboren wurde, wo er im Kreuzchor seine ersten solistischen Aufgaben erhielt, wo er lernte, studierte, sein erstes Engagement gleich an der Staatsoper bekam. Wo er zeitlebens blieb. In Dresden haben ihn Anfang diesen Jahres die Chirurgen aus einer lebensgefährlichen Situation gerettet, als sein Herz versagte.
Dort am Elbhang, wo er zu Hause ist und jetzt im Ruhestand lebt, ist seine Stimme verklungen, er verkündete, nicht einen Ton mehr zu singen.

Es ist nicht allein die Erinnerung an seine großen Erfolge auf den Bühnen und Konzertpodien der Welt - von 1970 an auch als sehr subtiler Dirigent - es ist sein Einfluss auf die Musikkultur, den eine große Verehrung lebendig erhält. Matthias Görne, einer der erfolgreichsten Lied- und Opernsänger, in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen, einst Preisträger des Robert-Schumann-Wettbewerbs Zwickau, er äußerte sich im Zusammenhang mit der Lied-Interpretation über Peter Schreier: "Wenn ich nur an seine Winterreise denke, die er mit Swjatoslaw Richter 1985 in der wiedereröffneten Semperoper gegeben hat: Diese Aufnahme wird immer erwähnenswert bleiben und immer auf Interesse stoßen. Sie ist ein Meilenstein in der Lied-Geschichte. Genauso so seine Bach-Interpretationen: Es gab vorher keinen Tenor, der das so überragend gestaltet hätte wie Schreier. Vielleicht wird es auch keinen mehr geben, der das mit dieser Vitalität und Musikalität, mit dieser Direktheit interpretieren kann. Das ist für mich das Nonplusultra."

Und wer hätte nicht - vornehmlich hier in Sachsen - seine persönlichen Schreier-Erinnerungen? Denn der Sänger, so sehr er gebunden und verpflichtet war in den Weltzentren der Musik, er vernachlässigte nie die Ehrerbietung gegenüber seinem Publikum daheim. Sollte ich von nicht wenigen Schreier-Erlebnissen das eindringlichste nennen - es ist sein Abend mit dem Schemelli-Gesangbuch von Bach in der Marienkirche Marienberg, Michael Schönheit spielte die Orgel. 1989, September, draußen zogen die Auto-Kolonnen in Richtung Ungarn, wenige Kilometer noch und es lag hinter den Flüchtenden, was Heimat hätte sein sollen. Und er sang. "Auf, auf! Die rechte Zeit ist hier..."

Peter Schreier ist einer vom alten Schlag, er hat sich nicht selber populär geredet und aufgeputzt, wie es Stars von heute tun und wahrscheinlich sogar tun müssen. Seine Größe als Interpret erwächst aus dem Phänomen der Stimme und aus persönlicher Lauterkeit: Er war immer das, was er sang. R.L.



Sächsische Zeitung 29.07.2010
Musik ist wirklich das Paradies für mich
Peter Schreier, einer der gefragtesten lyrischen Tenöre unserer Zeit, feiert heute seinen 75. Geburtstag. Als Sänger genießt er den Ruhestand, als Dirigent tritt er noch gelegentlich auf. Der siebenfache Großvater verbringt viel Zeit mit der Familie und den Enkelkindern. Schreier wirkt zufrieden und vital, er habe sich „genau das Leben erlaubt, das ich vertreten kann“, sagt er im SZ-Interview in seinem Haus am Elbhang in Dresden-Loschwitz.

Herr Schreier, wie möchten Sie angesprochen werden, als Kammersänger oder Professor?
Ach, diese Titel. In Österreich ist die Anrede Kammersänger gang und gäbe. Der Professor ist doch kein richtiger, sondern ein verliehener. Bleiben Sie bei: Herr Schreier.

Vor fünf Jahren sind Sie das letzte Mal als Sänger aufgetreten. Haben Sie Ihren Entschluss in einer stillen Stunde bereut?
Ich sehe das komplexer. Mein letzter Liederabend ist nicht das Ende des künstlerischen Lebens. Das Lied, die Musik bleiben mir erhalten. Ich mache keinen großen Unterschied zwischen meinem Geben und dem Nehmen von anderen Künstlern. Ich habe beim Abschied nicht gedacht: O Gott, jetzt singst du zum letzten Mal. Die Beschäftigung mit Musik hört für mich nicht auf. Endlich habe ich mehr Zeit für meine große Platten- und CD-Sammlung.

Wie oft dirigieren Sie noch?
Nach meiner Herzoperation im Januar muss und will ich kürzertreten. Ich mache nur noch wenig. Ganz ehrlich: Es fehlt mir nichts. Ich habe keine große Lust mehr, mich weiter dem Stress zu ergeben. Im November gebe ich zwei Mozart-Messen mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein, dessen Ehrenmitglied ich bin. Vor einem halben Jahr fragten die New Yorker Philharmoniker, ob ich Händels „Messias“ mit ihnen aufführe. Das werde ich tun. Kürzlich leitete ich in Den Haag Bachs „Matthäus-Passion“. Das hat großen Spaß gemacht, weil die Musiker mit mir an einem Strang zogen.

Seit über 30 Jahren geben Sie Meisterkurse für junge Sänger. Was hat sich verändert? Sie können jetzt selber entscheiden, zu welchem Lehrer sie gehen wollen. Als Student in Dresden bin ich von der Hochschule geflogen, weil ich mir unerlaubt einen anderen Lehrer genommen habe. Die Studenten haben heute eine große Freiheit und dadurch auch den Willen, von jedem Lehrer etwas zu lernen. Meine Meisterkurse drehen sich immer um Interpretation, nicht um Fragen der Atemtechnik oder Ähnliches. Mir geht es darum, das Publikum zu erreichen, es für die Musik aufzuschließen. Wir machen die Musik ja nicht für uns.

Sind Sie ein strenger Lehrer?
Ich diktiere nichts und sage den jungen Sängern: Ich biete euch eine Möglichkeit an, aber es gibt Hunderte Möglichkeiten. Ich will keine Epigonen heranziehen. Jeder muss seine Möglichkeiten entdecken. Anfang Juli habe ich in Eppan, in Südtirol, einen Meisterkurs gegeben. Das war eine sehr gute Woche, tolle junge Sänger. Sie fressen einem aus der Hand, wenn sie merken, dass ihnen der Kurs etwas bringt. Sie kamen aus Österreich und Südkorea. Bei den Südkoreanern hapert es natürlich mit der Textverständlichkeit. Sie können wunderbar nachplappern, aber sie wissen oft nicht, was sie singen.

Auch deutsche Sänger legen immer weniger Wert auf Textverständlichkeit.
Da haben Sie leider recht. Es geht dann nur um schöne Töne, als wären Musik und Text keine Einheit.

Welche Ihrer Figuren ist Ihnen am meisten ans Herz gewachsen? Mozarts Tamino, Wagners Loge oder Bachs Evangelist aus der „Matthäus-Passion“?
Der Evangelist. Mit ihm habe ich inhaltlich und musikalisch die Möglichkeit, auf der obersten Mauer zu laufen, kann alle Ausdrucksarten und seelischen Regungen einbringen. Der Evangelist ist nicht betrachtender Erzähler, wie oft interpretiert, sondern zutiefst Beteiligter. Bach hätte sonst nicht so spannungsvolle Intervalle geschrieben.

Gab es eine Operninszenierung, in der Sie mitwirkten, wo für Sie alles stimmte?
Mozarts „Così fan tutte“ bei den Salzburger Festspielen 1973. Karl Böhm dirigierte die Wiener Philharmoniker. Günther Rennert, ein fantastischer Regisseur, setzte die Oper wunderbar in Szene, da gab es kein Herumkaspern. Die Besetzung war ein Glücksfall: Gundula Janowitz, Brigitte Fassbaender, Reri Grist, Hermann Prey, Dietrich Fischer-Dieskau, ich sang den Ferrando. Die Aufführung lief jahrelang.

Hört man einer Musik an, ob sie revolutionär oder reaktionär ist? Wenn sie keinen Text hat, wenn keine Absichtserklärung des Komponisten vorliegt? Robert Schumann flüchtete in der Mairevolution 1849 mit seiner Familie nach Maxen und Kreischa. Wagner stand in Dresden auf der Barrikade. Was machte Schumann?
Er schrieb vier Märsche, als seinen Beitrag zur Revolution. Ich habe diese vier Märsche jetzt bei unserer Schumanniade wieder gehört. Das hat mit Kämpferischem nichts zu tun, es ist eine typisch Schumann’sche Klangpalette. Er hätte die Märsche auch anders nennen können. Die Revolution steht auf dem Papier, nicht in den Noten. So wird es mit vielen Kompositionen sein. Ich halte grundsätzlich nichts davon, Musik ideologisch zu befrachten.

Nach der Wende wurden Sie aufgefordert, auf einem Empfang für den Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf zu singen. Sie lehnten ab. Gibt es einen Politiker, bei dem Sie nicht abgelehnt hätten?
Richard von Weizsäcker. Er ist ein feinsinniger Musikkenner. In den 80er-Jahren hatte ich an der Wiener Staatsoper zu tun und wohnte im Hotel „Imperial“. Der damalige Bundespräsident war auch dort abgestiegen. Am Morgen fand ich eine Karte von ihm: „Ich freue mich, dass ich mit dem großen Sänger Peter Schreier unter einem Dach übernachten durfte.“ Ich war später, ohne offizielle Genehmigung, bei ihm in Bonn. Ich sollte das Bundesverdienstkreuz kriegen. Das könne ich nicht entscheiden, habe ich zu Weizsäcker gesagt. Er müsse die DDR-Behörden fragen; die haben abgelehnt. Sonst aber hatte ich wenig Ärger mit denen. Als international gefragter Sänger wurde ich fast wie ein rohes Ei behandelt. Ich bin auch nie für die Partei, die SED, geworben worden.

Sie rühmen an Ihrem Freund und Kollegen Theo Adam dessen Disziplin. Sind Sie denn undiszipliniert?
In der Arbeit sicher nicht. Aber mit seiner eisernen Disziplin kann ich nicht mithalten, weder beim Essen noch beim Sport. Wenn er gesund ist, schwimmt er mit über 80 jeden Tag im Pool, selbst im Winter. Ich schwimme auch, aber wenn die Temperatur unter 20 Grad sinkt, kriegt mich keiner ins Wasser. Wenn Theo Adam eine neue Partie bekam, hat er sie mindestens ein Jahr vorher studiert. Ich habe immer alles auf den letzten Drücker gemacht. Erst, wenn ich unter Druck bin, kann ich was leisten.

Sie feiern heute Doppelgeburtstag, auch Ihre Frau wird 75.
Bringen Sie ihr ein Ständchen?
Ich singe nicht mehr, nicht mal im Bad. Zum 70. Geburtstag habe ich ihr ein Ständchen von Beethoven gesungen: „Ich liebe dich so wie du mich, am Abend und am Morgen.“ Wir feiern heute auf dem Schiff, fahren auf dem Elbedampfer „Diesbar“ mit Familie und Freunden in die Sächsische Schweiz. Eine Jazzgruppe spielt. Jazz ist für mich höchste Kunst. Ich beneide Musiker, die toll improvisieren können.

Ist die Musik für Sie ein Paradies-Ersatz?
In der Musik habe ich das Glück meines Lebens gefunden. Die Welt der Musik hat meine Gefühle, meine Gedanken geprägt. Wenn ich Bach, Mozart, Schumann und andere höre, werde ich zutiefst berührt. Es geschieht etwas Euphorisches mit mir, als würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Ich kann manchmal nur schwer verstehen, wieso andere Menschen nicht so empfinden. Auf Paradies wäre ich vielleicht nicht gekommen, aber die Musik ist wirklich das Paradies für mich. R.K.



Märkische Allgemeine 28.07.2010
Der Unverkennbare: Morgen feiert der Tenor und Dirigent Peter Schreier seinen 75. Geburtstag
Viele profilierte Stimmen haben ihre erste Formung in einem der sächsischen Knabenchöre erfahren. Peter Schreier, der am 29. Juli 1935 geboren wurde, morgen also seinen 75. Geburtstag feiert, sang in den Nachkriegsjahren im Dresdner Kreuzchor und hat unter den so Geschulten sicher die nachhaltigste internationale Ausstrahlung gehabt. Und das über volle viereinhalb Jahrzehnte hinweg, zwischen seinem ersten Bühnenauftritt 1959 und dem Ende seiner Sängerkarriere vor fünf Jahren. Seither kann man ihn gelegentlich noch als Dirigenten erleben – auch da, wie als Tenor, um Transparenz und Klarheit bemüht. Seit einer schweren Herzoperation Anfang dieses Jahres wird er womöglich auch hier kürzertreten müssen.

Freilich auch dürfen. Denn vor allem das, was er der Musikwelt in seinem vokalen Kerngeschäft hinterlassen hat, repräsentiert ein im Repertoire zwar streng begrenztes, doch darin dann fast lückenloses Lebenswerk. Das hat einerseits damit zu tun, dass die DDR viele gute Sänger, doch nur wenige ausgesprochene Weltstars hatte – ein Fakt, der umfangreiche und gründlich erarbeitete Platten-Serien begünstigte. Hinzu kam die schiere Länge seiner Karriere, die wiederum damit zu tun hatte, dass Schreier, anders als viele Stars des westlichen Jet-Set-Betriebs, seine Stimme pflegen, vor Überstrapazierungen und Verschleiß bewahren und sich konsequent von entsprechenden Versuchungen fernhalten konnte. Wagners Loge, Pfitzners Palestrina, einmal auch, in Carlos Kleibers legendärer Einspielung, ein „Freischütz“-Max: weiter ging er nicht, und das war gut so.

Denn auf diese Weise erhielt sich jenes unverwechselbare Timbre, das den Meißner Kantorensohn auch unter seinen Fachkollegen unverwechselbar machte: hell und leicht ansprechend, schlank und vibratoarm in der Tongebung, dazu mit einer phänomenalen Textverständlichkeit. Gleichgültig, was der Jahreskalender real gerade anzeigte: Eigentlich hörte man in Peter Schreiers Gestaltungen bis zum Schluss den Kreuzchor-Knabenalt weiter mit. Die Stimme blieb quasi jünger als ihr Träger, behielt ihre Frische und, damit verbunden, ein gewisses Moment naiv-unmittelbarer Herzlichkeit. Das machte ihn zu einem glaubhaft innigen jugendlichen Liebhaber etwa bei Mozart oder Händel. Doch am beeindruckendsten wirkte diese Grunddisposition, wenn sich ihr aus der Gestaltung heraus Intellektualität, Weisheit und in den besten Fällen eine fast philosophische Sinn-Differenzierung beimischte: in der Verkörperung der Bach-Evangelisten und -Kantatenpartien zum Beispiel und ebenso in Schreiers großartiger Liedkunst.

In dieser intimen Gattung ist er, darin unter seinen Generationsgenossen allenfalls Dietrich Fischer-Dieskau vergleichbar, geradezu enzyklopädisch wirksam geworden. Dem Bariton-Kollegen verwandt im Streben nach genauer Wortausdeutung, aber lyrischer, weniger zuspitzend und feinsinniger als dieser.

Dass solch eine Kunst temperierter Schattierungen vielleicht erschütternder wirken kann als ständiger Überdruck im sängerischen Dampfkessel, beweist nicht zuletzt eine Aufnahme wie Schreiers Live-„Winterreise“ von 1985 mit Swjatoslaw Richter am Klavier: Eines der vielen Geschenke, die der Sänger, sonst bis hin an die Met und nach Tokio hin unterwegs, dem heimatlichen Dresdner Publikum machte – und ein musterhaftes Konzentrat von Peter Schreiers Gestaltungsfähigkeit. Nicht nur heute zu empfehlen. G.F.



Bild 26.07.2010
Star-Tenor Peter Schreier: Alleinsein ist gut für die Liebe
Er verrät im grossen Interview zum 75. Geburtstag das Geheimnis seiner glücklichen Ehe. Er galt als die Wunderstimme des 20. Jahrhunderts, ist auf über 200 Platten und CDs verewigt, steht in jedem Lexikon: Tenor Peter Schreier! BILD traf ihn in seiner Dresdner Villa. Ein Gespräch über seine schwere OP, Liebesbriefe, Tierliebe und das Faulenzen.

B: Herr Kammersänger, wie geht es mit 75?
S: „Ich habe mich nach der Herz-OP im Januar gut erholt. Aber ich fühle mich noch nicht ganz so wie vorher, kann nicht mehr so ganz tief atmen. Der Arzt sagt aber, das wird wieder.“

B: Trotzdem schwingen Sie den Taktstock ...
S: „... auf Sparflamme. Im Herbst dirigiere ich Mozarts Krönungsmesse mit den Philharmonikern in Wien, 2011 gibt’s Termine in New York, Sao Paulo, einen Meisterkurs in Brüssel. Eigentlich bin ich die Flughafenkontrollen leid, aber manches Angebot kann man einfach nicht ablehnen.“

B: Ein Opfer für Ihre weltweite Berühmtheit?
S: „Je älter ich werde, um so mehr empfinde ich, wie unwichtig der ganze Starrummel ist. Viel wichtiger ist, dass man das Leben in Harmonie und bei guter Verfassung beenden kann.“

B: Sie sind seit 53 Jahren verheiratet?
S: „Immer mit meinem lieben Renerle (so sein Kosename für Ehefrau Renate, d. Red.). Sie ist im gleichen Jahr und am gleichen Tag wie ich geboren. Meine Frau sagt, sie hätte sich zuerst in meine Stimme verliebt. Da war ich 12, sang als Kruzianer im Radio. Heute haben wir zwei Söhne, sieben Enkel.“

B: Was ist 2010 anders als zur Hochzeit?
S: „Früher schrieben wir uns ständig glühende Liebesbriefe, von denen Renerle wohl 125 in einer Truhe aufbewahrt hat. Heute genießen wir gelegentlich das Alleinsein. Gut, wenn man zwei Häuser hat.“

B: Ihr beider Herz gehört auch den Tieren?
S: „Mit uns lebt Mischlingshündin Penny (4), am Landhaus stehen zwei Haflinger auf der Koppel. Dem Dresdner Zoo haben wir einen kleinen Elefanten aus Bronze gestiftet. Die Tierliebe meiner Frau geht so weit, dass sie nahe unseres Ferienhauses auf den Kapverden in Afrika einen Straßenhund mit nur drei Beinen auflas, zum Arzt brachte und bis heute zahlt, damit es ihm gut geht.“

B: Heute scheint ihr Leben sehr gemütlich?
S: „Früher düste ich 250 Tage im Jahr zwischen Japan, Amerika, Australien und Europa umher. Jetzt habe ich mich an die Faulenzerei gewöhnt. Manchmal ist mir sogar die Fahrt zum Romantikrestaurant Vincenz Richter nach Meißen zu viel. Man wird eben bequem, planscht im Pool, schaut Fußball und Formel 1 im TV, schneidet Rosen...“

B: Wo wird gefeiert?
S: „Auf einem historischen Elbdampfer mit der ganzen Familie und 50 guten Freunden. Wir verzichten auf Geschenke, bitten um Spenden für ein Tierheim.“
Jürgen Helfricht




Mitteldeutsche Zeitung 23.07.2010
Peter Schreier: Müßiggang statt Sängerstress
Dresden. Müßiggang und Entspannung statt täglicher Proben und Reisen um die Welt: «Ich vermisse nichts», sagt der Dresdner Kammersänger Peter Schreier. Am 29. Juli wird er 75 Jahre alt. «Nach Jahren voller Stress und Druck habe ich eine Zeit der Entspannung und des Genusses verdient», sagt er. Meisterkurse gibt er nur vereinzelt, und gelegentlich taucht er auch als Dirigent in die Musikwelt ein. Auch in diesem Metier ist Schreier ein begehrter Mann, dosiert seine Auftritte aber gut: im November bei den Wiener Philharmonikern, 2001 (2011?) eine «Messias-Aufführung» mit den New Yorker Philharmonikern und eine «Matthäus-Passion» in Sao Paulo.

Seinen Abschied auf Raten hatte er lange geplant. Im Juni 2000 trat der weltweit gefragte Künstler als Tamino in Mozarts «Zauberflöte» - der vielleicht wichtigsten Partie seiner Karriere - in Berlin von der Opernbühne ab. Mit 70 gab er die Lieder und Oratorien auf. Das Sängerleben vermisste er nicht. «Ich habe mich schnell an den Ruhestand gewöhnt.»

Der 1935 in Meißen geborene lyrische Tenor wuchs in einem Dorf in der Nähe der Stadt auf. «Bei uns zu Hause wurde zwei Mal in der Woche musiziert». Mit acht Jahren kam er zum Dresdner Kreuzchor, einer «Schule fürs Leben», wie Schreier sagt. In dem Knabenchor habe er nicht nur das Rüstzeug für seinen Erfolg, sondern auch Tugenden wie Disziplin, Unterordnung und Ehrgeiz gelernt. «Ohne Leistung ging es trotz Kreuzchor-Bonus nicht.»

Leistungsbereitschaft war das Entscheidende, da habe auch eine SED-Mitgliedschaft zu DDR-Zeiten nicht geholfen. «Man musste schon singen können und musikalisch fit sein.» Er sei durch internationale Engagements in einer vergleichsweise glücklichen Lage gewesen. «Ich wurde fast wie ein rohes Ei behandelt.» Das, was er als Künstler gewollt habe, sei ohne Einschränkungen möglich gewesen. «Ich habe nie daran gedacht, im Westen zu bleiben, obwohl mir das von einer Plattengesellschaft schmackhaft gemacht wurde.»

Von 1956 bis 1959 studierte Schreier Gesang und Dirigieren in Dresden, im Abschlussjahr stand er erstmals auf der Opernbühne, als «1. Gefangener» in Beethovens «Fidelio». Den Durchbruch schaffte er 1962 als Belmonte in Mozarts «Die Entführung aus dem Serail». Danach stand er von New York bis Mailand auf den wichtigsten Opernbühnen der Welt und wurde international mit Auszeichnungen bedacht. Mehr als 60 Partien hat er verkörpert. Schreier war der wichtigste Exportschlager der DDR auf sängerischem Gebiet - bei hochkarätiger Konkurrenz. «Es gab keinen einzigen Versuch, mich für die Partei zu werben.»

1972 sei er an der Staatsoper Berlin von ehemaligen Komilitonen gefragt worden, ob er nicht mal den Taktstock führen wolle. Stilistisch verlegte er sich auf Chorsinfonik - Haydn-Oratorien und Bachsche Passionen. «Um eine große Dirigentenkarriere zu machen, müsste man aber am Stoff bleiben, regelmäßig dirigieren.» Da habe er eigentlich keine Ambitionen, sagt der siebenfache Großvater und künftige Urgroßvater.

Obwohl seine künstlerische Heimat als Opernsänger in Berlin lag, blieb er Dresden immer verbunden. Am Wohnhaus am Elbhang schuf sich das Landkind ein kleines Gartenparadies. Kochen, Schwimmen und Radfahren gehört nun seine Leidenschaft. Letzteres hat er nach einer Bypass-Operation im Januar zum eigenen Leidwesen etwas schleifen lassen. Aber fast jeden Tag zwischen Mai und Oktober dreht er seine Runden im teils überdachten Pool.

Ein Vorteil des Rentnerlebens sei, dass er mit Zeit sehr großzügig umgehen könne. Statt wie früher zu proben, ordne er seine Sammlung tausender CDs und Platten. Da finde sich natürlich die Klassik mit Bach und Mozart, aber auch Jazz. Berufliche Rückfälle blieben bisher aus. «Ich habe nur ein bißchen gesündigt.» Für eine Kinderlieder- Edition des Kabus-Verlages Stuttgart sang er «Weißt Du, wieviel Sternlein stehen».

«Ich habe nicht den Ehrgeiz, mein Leben mit anderer Art von Musik auszufüllen; ich bin ehrlich gesagt ein bißchen ausgebrannt», sagt der Sänger mit der angenehmen Tenorstimme. «Ich habe so viel gesungen und dirigiert bis zu dem Punkt, wo man in die Gefahr der Routine kommt», erklärt er. «Ich singe nicht mal mehr im Bad.»



Sächsische Zeitung 15.06.2010
„Wenn ich nahe an den Tränen bin, dann bei der Musik von Schumann“
Von Peter Schreier. Startenor Peter Schreier beschreibt seine Beziehung zu den dem Komponisten, dessen 200. Geburtstag die Stadt in diesen Tagen feierlich begeht.

Zu Schumann bin ich gekommen, wie ich zu Bach kam: durch das Singen im Dresdner Kreuzchor. Ich weiß nicht, ob ich mich in meinem Leben sonst so intensiv mit diesen Komponisten beschäftigt hätte. Aber wenn man eine solche Voraussetzung hat wie die Mitgliedschaft in einem Knabenchor und die Musik fast unbewusst aufnimmt, dann gibt es auch keine Schwierigkeiten, sich in diese Musik einzuleben.

Während meiner Sängerlaufbahn wurde mir das Schumann-Lied gewissermaßen zum täglichen Brot. Hier konnte ich meine gestalterischen Fähigkeiten und Möglichkeiten so richtig erproben und meine stimmlichen Voraussetzungen ausschöpfen.

Denn es gehört zu Schumann bekanntlich eine lyrische Stimme. Und ich glaube, dass sich gerade Schumann bewusst und unbewusst so mit dem Gesang identifiziert hat, dass es für den Sänger spürbar ist, wie er seine Lieder gestalten kann und muss. Es gibt in Schumanns Liedern keine Zufälligkeiten; Text und Musik bilden eine Einheit, und diese Einheit von Poesie und Musik war ihm Ziel.

Meine lebenslange sängerische Beschäftigung mit Schumann war eine zwangsläufige Ehe. Wenn überhaupt noch ein Komponist im Liedbereich mithalten kann, dann wäre es aus meiner Sicht Franz Schubert. Dennoch glaube ich, dass mir Schumann noch mehr liegt durch seine Feinnervigkeit, seine raffinierte, fast psychologisch eingesetzte Harmonik und seine unglaublich differenzierte Wortbehandlung. Die Texte Heines etwa sind genial vertont, auch wenn heute manch einer meint, Schumann habe die Ironie dieses Dichters nicht verstanden – was ich so nicht teilen kann.

Selbstverständlich habe ich auch andere Werke von Robert Schumann gesungen: seine in Dresden entstandene einzige Oper „Genoveva“ oder die Hebbel-Melodramen. Erst sehr spät ist mir das Märchen „Der Rose Pilgerfahrt“ unter die Hände gekommen. Eine große Entdeckung für mich! Ich bedaure nur, dass ich dieses Werk nicht mehr selbst singen konnte. Dafür dirigiere ich es heute umso lieber. Es ist Kammermusik im großen Rahmen für Soli, Chor und Klavier. Ein wirklicher Wurf! Schumann hat zunächst ganz bewusst die Begleitung der Solo- und Chorstimmen dem Klavier zugeordnet und erst nach Monaten eine Instrumentierung vorgenommen. Der Klavierpart macht das Werk wirklich kammermusikalisch.

Wenn ich mir Schumann-Lieder erarbeitet habe, bin ich stets vom Gesamtbild und vom Gesamteindruck der Vorlage ausgegangen, von der Symbiose zwischen Text und Musik. Natürlich war die Frage, um welchen Textdichter es sich handelt, vor allem aus thematischen Gründen von Belang, denn ich wählte am liebsten Literatur aus, die uns etwas zu sagen hat. Bei Mendelssohn Bartholdy und auch bei Schubert gibt es Texte, die nicht unbedingt so stark sind wie die Vorlagen Schumanns. Für eine angemessene Interpretation war für mich stets wichtig, eine Vorstellung davon zu haben, was die Lieder erzählen und welche dramatische Wirkung sie erzielen können. Jedes Lied ist für mich eine kleine geistig-szenische Situation, die es dem Publikum zu „erzählen“ gilt...

Robert Schumann ist für mich der Liedkomponist. Vielleicht klingt es nostalgisch: Wenn ich manchmal nahe an den Tränen bin, dann ist es bei seiner Musik. Da gibt es für mich keinen Zweifel, auch was Schubert angeht.

Der Text ist ein Auszug aus den gerade erschienenen „Dresdner Heften“, die sich Schumann in Dresden widmen.



Matthäus-Passion mit Peter Schreier in Den Haag
Am 2. und 3. April 2010 dirigierte Peter Schreier in dem ausverkauften Dr. Anton Philipszaal in Den Haag Bach's Matthäus-Passion. Die Aufführungen lösten grosse Begeisterung aus bei dem fast 2.000-köpfigen Publikum im Saal.

Peter Schreier in Den Haag, 03.04.2010  © Foto: M.Halberstadt

Es sangen Johannes Chum (Evangelist), Robert Holl (Jesus), Lisa Larsson, Nathalie Stutzmann, Robert Sellier, Florian Boesch, der Residentie Bachkoor und der Haags Matrozenkoor. Es spielte das Residentieorkest.



Bild
21.01.2010
Not-OP bei Star-Tenor Peter Schreier (74)
Mein Herz stand zwei Stunden still

An Schläuche und Überwachungsmonitore angeschlossen, liegt der weltberühmte Mann tapfer im Bett eines Privatzimmers des renommierten Herzzentrums Dresden: Star-Tenor Peter Schreier (74)!
Eigentlich sollte ihm am 10. Januar unter Anwesenheit des britischen Thronfolgers von der Royal Society of Music zu London der Internationale Bachpreis verliehen werden. Doch zum Jahresanfang drohte das Herz der Wunderstimme des 20. Jahrhunderts (über 200 Platten und CDs) zu versagen. Per zweistündiger Not-OP setzte ihm jetzt das Chefarzt-Team um PD Dr. med. habil. Klaus Matschke (47) gleich vier Bypässe ein.

Peter Schreier dankbar: „Ich hatte am 4. Januar schon mein Testament gemacht. Ärztliche Kunst hat mir ein zweites Leben geschenkt!“ Das Verhängnis nahm Ende Dezember seinen Lauf.
Schreier berichtet: „Ich hatte mich wegen häufiger Müdigkeit zur Kardiologie begeben, wollte verstopfte Herzgefäße per Ballon-Dilatation aufsprengen lassen.“ Doch die Spezialisten konnten ihm mit dieser Methode, bei der mit einem Katheder die Blutgefäße geweitet werden, nicht mehr helfen.

Am 11. Januar dann die Not-OP (15 800 Euro teuer) eines achtköpfigen Ärzte-Teams: Sie sägten Schreier den Brustkorb auf, legten das Herz für zwei Stunden still und schufen aus einem 30 cm langen Stück Vene des rechten Oberschenkels vier neue Gefäße. Diese versorgen sein Herz nun wieder ausreichend mit Blut.
Chefarzt Dr. Matschke, der seit 1995 am Herzzentrum rund 4000 Patienten operierte: „So eine große OP ist keine Kaffee fahrt. Zudem ein Patient dieses Alters mit Diabetes zusätzliche Risikofaktoren mitbringt.“

Wie hat der Star-Tenor die Not-OP überstanden? Peter Schreier: „Aus der Narkose erwacht, hatte ich zuerst längere Zeit Halluzinationen, sah mich z.B. von lauter japanischen Gesichtern umringt. Die ersten Tage versagte auch die Niere. Doch seit gestern geht es mir viel besser.“ Auch seine Ärzte sind sehr zufrieden mit dem Verlauf der Genesung.

Für die Zeit nach der nun notwendigen Reha hat Schreier schon große Pläne: „Der Terminkalender drückt. Ostern dirigiere ich die Matthäuspassion in Den Haag!“
Jürgen Helfricht



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