2013 - 2014


- "Auf Flügeln des Gesanges..."
- Der grosse Peter Schreier (78) spricht über den Tod
- Peter Schreier liest Briefe in Großenhain
- Mozart hat er am liebsten gesungen
- Peter Schreier in Chemnitz
- Peter Schreier frohlocket wieder
- "Jauchzet, frohlocket" zum Jubiläum
- Schön singen reicht nicht!
- Die Kruzianer feiern Martin Flämig
- Ausdruck und Persönlichkeit
- Bach-Medaille für Peter Schreier
- Erster Auftritt nach dem Koma
- Peter Schreier: Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe



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Mendelssohn-Haus Leipzig 11.09.2014
"Auf Flügeln des Gesanges..."

Gestern [10.09.2014] fand der diesjährige Meisterkurs für Gesang unter der Leitung von Kammersänger Peter Schreier in einem überfüllten Abschlusskonzert im Gewandhaus zu Leipzig seinen Höhepunkt und damit auch sein Ende. 26 Lieder von Schumann und Mendelssohn entführten das begeisterte Publikum in grüne Auen sowie auf Hexentanzplätze und hinterließen mitsamt der Sangeskunst einen bleibenden Eindruck.



Photos: Mendelssohn-Haus Leipzig


Der größte Dank gilt Herrn Professor Peter Schreier, der im viertägigen Meisterkurs stets darum bemüht war, den Teilnehmern "Flügel des Gesanges" zu verleihen und ihnen damit Wissen, Gefühl und Mut und den Zuhörern einen unvergesslichen Abend bescherte.






Bild
08.06.2014
Der grosse Peter Schreier (78) spricht über den Tod
Ich genieße jeden Tag, als ob’s der letzte wäre

Von Jürgen Helfricht
Dresden. „Ich sauge die Schönheit Sachsens, die Farben der Natur jetzt jeden Tag intensiv ein. Denn ich möchte sie in die andere Welt mitnehmen.“
Es sind die Worte eines großen Künstlers, die nachdenklich stimmen. Peter Schreier (78), der Star-Tenor und Ausnahme-Dirigent, spricht offen wie nie über den Tod.
Nach mehreren Bypässen, einer OP an der Halsschlagader und acht Tagen im Koma im vergangenen Jahr bereitet er sich jetzt noch einmal auf einen großen Auftritt vor. Vielleicht den letzten seiner Weltkarriere. „Ich danke Gott, dass mein Zustand stabil ist“, sagt er zu BILD. „Doch wer weiß, ob ich den nächsten Juni noch erlebe.“

Seit Jahren leidet Schreier an Diabetes, muss sich Insulin spritzen, täglich zehn Tabletten nehmen. Lange Reisen macht der Rücken nicht mehr mit. „Ich fühle mich müde, will den Stress nicht mehr haben“, sagt der Maestro. „Ich habe jetzt lukrative Angebote auf allen Kontinenten abgesagt. Lediglich den Meisterkurs in Leipzig werde ich geben.“

Und die „Schumanniade“, das Festival, an dem sein Herz hängt. Vom 27. bis zum 29. Juni wird Schreier vor sein Publikum treten. „Ich dirigiere selbst, freue mich in der Kirche Kreischa und auf Schloss Reinhardtsgrimma auf Weltstars wie den ungarischen Pianisten, meinen Freund András Schiff, oder die Sopranistin Ute Selbig.“
Die „Schummaniade“ ist Schreiers Kind. Hier führt er vor allem Stücke auf, die Robert Schumann (1810 – 1856) bei seinen Aufenthalten in Dresden und rund um Kreischa sowie Maxen komponierte. Der Maestro lächelt. Es sei die Chance, ihn noch einmal selbst zu erleben.




Sächsische Zeitung
08.04.2014
Peter Schreier liest Briefe in Großenhain
Am Samstag [12.04.] präsentieren Peter Schreier und Camillo Radicke einen Klavierabend mit Lesung in der Aula des BSZ. Die SZ sprach mit dem Kammersänger.

Herr Schreier, Sie gestalten gemeinsam mit Camillo Radicke einen Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Abend. „Lieder mit Worten“ heißt er. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Das ist für mich ein privates Interesse. Die Idee stammt vom Organisten der Kreuzkirche. Herr Radicke und ich setzen sie um. Das ist eine sehr schöne Verbindung, denn die „Lieder ohne Worte“ sind eine Erfindung von Mendelssohn-Bartholdy. Das heißt nicht, dass er die Lieder mit Worten diskriminieren wollte. Er hat sehr viele schöne Lieder geschrieben, die zur Weltliteratur gehören. Aber die „Lieder ohne Worte“ haben auch ihre Berechtigung, sie sind als Übungsstücke gedacht gewesen, und stehen in der großen Klavierliteratur immer ein bisschen im Abseits. An unserem Abend stehen sie im Mittelpunkt. Die Worte dazu stammen aus den Briefen.

Sie lesen Briefe des Komponisten vor, der ein unglaublich fleißiger Briefeschreiber war. Über 5000 seiner Briefe sind überliefert, die in 12 Bänden veröffentlicht werden. Wie haben Sie da eine Auswahl treffen können?

Viele der Briefe haben einen substanziellen Inhalt. Er hat darin sehr viel Bezug genommen auf Kompositionen, auf Begegnungen mit Musikern, es kommen derbe Urteile vor. Für uns sind sie ein Dokument, wie zum Beispiel Bach und Mozart damals verstanden wurden. Für das Programm haben wir uns auf die Korrespondenz zwischen ihm und seiner Schwester Fanny konzentriert. Camillo Radicke hat angegeben, was er spielen möchte, wir haben die Briefe danach ausgewählt. Mendelssohn-Bartholdy hat zum Beispiel in seinen Briefen die Entstehung des „Freischütz“ von Weber verfolgt, dazu haben wir „Lieder ohne Worte“ mit Jagdmotiven herausgesucht. Die Geschwister sind fast gleichalt geworden, Fanny ist ein halbes Jahr vor ihrem Bruder gestorben. Sie hatten ein sehr gutes Verhältnis. Fanny war eine ganz tolle Musikerin, hat schöne Kompositionen geschrieben. Aber wie das in der damaligen Zeit als Frau war: Sie durfte offiziell nicht so gut sein.

Ist das ein Thema der Briefe gewesen?

Ja. Auf der einen Seite mochte der Felix ihre Kompositionen sehr, auf der anderen Seite hat er aber auch dafür gesorgt, dass sie nicht gedruckt wurden. In einigen Fällen hat er sich sogar als Komponist von Stücken ausgegeben, die von seiner Schwester stammen. Ich habe selbst einige Lieder von ihr gesungen. Sie sind kaum zu unterscheiden von seinen Liedern.

Was verbindet Sie persönlich mit dem Komponisten?

Als Liedersänger kommt man um Felix Mendelssohn-Bartholdy gar nicht herum. Er hat ganz fantastische Lieder geschrieben, die im 19. Jahrhundert verkannt worden sind. Man hat sie als plakativ bezeichnet. Lieder wie „Leise zieht durch mein Gemüt“ sind geradezu Volkslieder geworden. Die Liedtexte volkstümlich zu komponieren, war eine seiner großen Stärken. Ich bin aber auch sonst ein großer Mendelssohnanhänger. Seine zwölf Streicher-Sinfonien finde ich ganz fantastisch.

Vor acht Jahren haben Sie Ihre professionelle Sängerkarriere beendet. Singen Sie zu Hause manchmal?

Kaum. Nur, um mein Gedächtnis zu überprüfen. Dann singe ich die Evangelisten, ein Stück aus der Matthäus-Passion, weil ich wissen möchte, ob ich die noch drauf habe. Das geht ganz gut.

2013 waren Sie schwer krank, hatten eine doppelseitige Lungenentzündung, zwei Schlaganfälle, lagen einige Tage im Koma. Geht es ihnen wieder gut?

Der Kopf ist wieder fit. Mit den Beinen habe ich noch Probleme. Die muss man natürlich selbst bearbeiten, in dem man viel Physiotherapie macht. Nur so bekommt man das wieder hin. Meine Konsequenz ist da nicht so toll, aber jetzt geht es wieder los.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.



Freie Presse
26.04.2014
Mozart hat er am liebsten gesungen
Lichtenwalde. Ein Hauch von Geschichte durchwehte am Donnerstagabend den Wintergarten des Restaurants "Vitzthum" im Schloss Lichtenwalde. Innerhalb der Veranstaltungsreihe "Zu Gast im Schloss" hatte Dietmar Keller als Gesprächspartner den Dresdner Peter Schreier als Gesprächspartner. Über eine Stunde erzählte der weltbekannte Tenor und Dirigent aus seinem Leben, Dietmar Keller erwies sich vor 130 Zuhörern dabei als belesener und zurückhaltender Fragesteller, der seinem Gast genügend Raum und Zeit ließ, zurückzublicken auf eine höchst erfolgreiche Karriere.

Peter Schreier - rund 300 Schallplatten wurden mit ihm aufgenommen, darunter "Peter Schreier singt Weihnachtslieder", die mit rund 1,4 Millionen der mit Abstand meistverkaufte Tonträger der DDR war. Schreier ist ein Weltstar. Er hat an den berühmtesten Opernhäusern der Welt gesungen, mit Dirigenten wie Herbert von Karajan zusammengearbeitet. Und kam doch aus der kleinen DDR, aus Dresden, wo im Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger der Grundstein für eine beeindruckende Karriere gelegt wurde. Schreier ist Nationalpreisträger der DDR, Träger des Bundesverdienstkreuzes, ihm wurde dreimal der Titel Kammersänger verliehen, seit 1981 ist er Honorarprofessor für Gesang. Mit welchem Titel er denn am liebsten angeredet werden möchte, wollte Dietmar Keller gleich zu Beginn wissen.

"Ich lege keinen Wert auf Titel, mein Name reicht mir", antwortete Peter Schreier. Der Dresdner erinnerte sich auch an die "Zäsur meines Lebens", als er mit 19 Jahren den Evangelisten in der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach singen sollte. In "seiner" Kreuzkirche in Dresden. "Es ging einfach nicht, meine Stimme hatte versagt. 14 Tage zuvor hatte ich den Evangelisten in Bremen gesungen, ohne Probleme. Aber in Dresden, in der fast fertig wieder aufgebauten Kreuzkirche hatte mich meine Stimme im Stich gelassen", erzählte der 78-Jährige. Solch eine Partie zu singen, sei auch nichts für einen 19-Jährigen. Dafür sei mehr Lebenserfahrung nötig.
Und Peter Schreier erzählte wortgewandt von seinen Reisen zu den großen Opernhäusern dieser Welt, von Tourneen nach Japan und wie ihn der damalige österreichische Bundespräsident einmal erstaunt fragte "Ach, Herr Kammersänger, Sie kommen aus der DDR?" Überhaupt Österreich und die Österreicher: Schreier hat mit vielen Rollen in Mozartopern reüssiert, und Mozart hat er am liebsten gesungen.

Was er davon halte, dass viele Sänger auch im Alter noch auftreten und singen, setzte Dietmar Keller an und wurde von Schreier gleich unterbrochen: "Gar nichts. Das ist oft Mitleid nach dem Motto ,Ach, wie schön hat der früher gesungen'", sagte Peter Schreier. "Ich lebe heute von den Erinnerungen, habe dabei aber nicht das Gefühl der Wehmut."




Peter Schreier in Chemnitz - 12/2013
Peter Schreier in Chemnitz, 12/2013




Sächsische Zeitung 04.12.2013
Peter Schreier frohlocket wieder
Neun Monate nach Schlaganfall und Koma ist der Dresdner Musiker wieder fit. Er dirigiert mehrfach seinen Bach-Liebling – das Weihnachtsoratorium.

Peter Schreier hat ein cooles Auto mit vielen technischen Raffinessen. Und mit dem ist er in den nächsten Tagen auf den Autobahnen viel unterwegs. Unmöglich, werden seine Fans sagen, der Dresdner Musiker sei doch nach Schlaganfällen und Koma im Frühjahr noch zu schwach. Als er im Juni in Leipzig den Bach-Preis erhielt, konnte er kaum laufen. Auch beim Kreuzchor-Gespräch mit dem Dresdner Ex-OB Wolfgang Berghofer im September war er noch angeschlagen.

Peter Schreier-2013 Das ist vorbei. Der 78-Jährige wird sein sportlich-elegantes Stern-Mobil auf der A4 und A9 ordentlich beschleunigen.

Er ist wieder fit. Zwar quäle ihn noch immer regelmäßig eine sympathische Physiotherapeutin, aber „das tut mir gut“. Treppensteigen ist längst kein Problem mehr, „nur das Aufstehen – das aber sicher altersbedingt“.

Am Wochenende wird er endlich wieder das tun, wofür ihn die Musikwelt seit Jahrzehnten liebt. Er interpretiert Bachs Weihnachtsoratorium (WO), das herrlich mit „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“ beginnt. Als Sänger und Dirigent hat er jenes Werk wie kein anderer geprägt. Letztmals gesungen hat er es als unerreichter Evangelist 2005. Seitdem dirigiert er es, wie jetzt in Chemnitz, im Erzgebirge und in München mit dem Dresdner Kammerchor sowie den Barockorchestern von Chemnitz und Dresden. „Ich freue mich drauf, auch, weil die Künstler der Kammerensembles immer so lust- und spannungsvoll aus eigenem Antrieb mitmachen.“

In der Chemnitzer Kreuzkirche sind am Sonnabend sogar alle sechs Teile des WOs geplant. Schafft er das konditionell? „Ja, es ist ein Abenteuer. Aber, ich erlaube mir keine Marscherleichterung – ich dirigiere meinen Bach natürlich im Stehen.“ B.K.



Freie Presse
04.12.2013
"Jauchzet frohlocket" zum Jubiläum
Ekkehard Hering, Leiter des Chemnitzer Barockorchesters, über das Konzert am Samstag [07.12.] mit Peter Schreier und dem Dresdner Kammerchor

Das zehnjährige Bestehen des Chemnitzer Barockorchesters wird mit drei Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach gefeiert, eine davon in Chemnitz. Wie bekommt man dafür eine Bestbesetzung mit dem Dirigenten Peter Schreier und dem Dresdner Kammerchor? Marianne Schultz fragte den Leiter Ekkehard Hering.

Freie Presse: Sie arbeiten nicht zum ersten Mal mit Peter Schreier zusammen. Welche Haltung fordert er ein?
Ekkehard Hering: Er ist eine Ikone - nicht nur im Osten. Mit seiner Stimme verbindet fast jeder die großen Tenor-Partien von Bach und Mozart. Er ist als Musiker ein Vorbild, übt bis heute eine Faszination auf ganze Generationen aus. Es ist spannend, mit ihm als Dirigenten zu arbeiten. Da gibt es Reibungsflächen, wenn wir unsere Interpretationsvorstellungen zusammenbringen. Das Orchester brennt darauf, mit ihm zu arbeiten.

Wie dürfen wir uns eine Probe mit Peter Schreier vorstellen?
Es geht sofort zur Sache, er hat genaue Vorstellungen. Schwatzen und Handyspielen geht überhaupt nicht. Er macht Ansagen und erwartet schnelle Fortschritte. Seine Blicke sagen alles. Ein Künstler wie Schreier ist es gewohnt, auf hohem Niveau zu arbeiten. [....]



Reutlinger Nachrichten 09.10.2013
Schön singen reicht nicht!

Bad Urach. Eine lebende Tenor-Legende: Peter Schreier leitet den Meisterkurs für Gesang im Bad Uracher Musikherbst. Bei einer öffentlichen Probe im Bürgerhaus macht er den Schülern klar: "Schön singen reicht nicht!"

Auch einige Sängerkollegen saßen im Publikum, die aufmerksam verfolgten, wie der berühmte Tenor die teilweise von weit her angereisten Meisterschüler zu besserem Liedvortrag anregte. "Unterrichten" wäre das falsche Wort. "Ich möchte ihnen Möglichkeiten eröffnen, wie man Lieder interpretieren kann", umschrieb der heute 78-Jährige seine Aufgabe. "Es ist unwichtig, Stimme zu zeigen. Schön singen reicht nicht! Es geht darum, den Inhalt der Lieder so zu vermitteln, dass jeder sich in Bild vom Inhalt machen kann."

Peter Schreier

Das ist großteils eine Frage der Sprache - eine schwierige Aufgabe für die junge Opernsängerin aus Australien oder den passionierten Sänger aus USA. Sie sind fasziniert vom deutschen Kunstlied, haben extra deshalb deutsch gelernt und sind mit Schubert-Liedern im Gepäck zu Peter Schreier gereist, um sich von ihm als ausgewiesenem Meister dieses Faches in die Feinheiten der Liedgestaltung einweisen (und einweihen) zu lassen. Beide sind geübte Sänger, dennoch nehmen sie die sachliche, doch deutliche Kritik des Meisters geduldig an. Genauso unermüdlich widmet sich Peter Schreier der Analyse des Gehörten und den praktischen Hinweisen, die das Können des Einzelnen im Blick haben, ebenso aufmerksam und ausdauernd assistiert von Henning Lucius am Flügel, seines Zeichens Dozent für Liedgestaltung in Rostock.

Über Stimme verfügen die aufs Podium tretenden Schüler ohnehin. Den stimmgewaltigen Sänger aus den USA kennt Schreier schon länger: "Ein Besessener! Er will unbedingt ins Schubert-Lied eindringen, er lässt sich einfach nicht abschütteln." Dieser hat Schuberts Lied "Der Zwerg" vorbereitet, ein düsteres Stück mit tödlichem Ausgang. Hier steht noch viel Arbeit bei der Aussprache an, außerdem müssen die fest eingeschliffenen, klischeehaften Angewohnheiten in mühsamer Kleinarbeit korrigiert werden. "Das passt nicht hierher, das ist Operette!" erklärt Schreier, mahnt "Weniger Gas!", spricht vor, lässt sprechen und fordert immer wieder zu Deutlichkeit auf: "Brings auf den Punkt!"

Es ist nicht damit getan, den Text zu verstehen und korrekt auszusprechen. Das kann beispielsweise die blonde australische Opernsängerin mit der professionell geschulten Stimme (Yvette Litchfield) sehr gut. Was ihr noch fehlt, und was sie an Franz Schuberts Goethe-Vertonung "Ganymed" üben will, ist die hohe Schule der Liedgestaltung, unter anderem mit Hilfe von Tricks, mit denen gute Sänger das Ohr kitzeln und bezaubern.

"Man muss kleine Überraschungen schaffen, die das Ohr des Hörers anregen, das eben eingeschlafen war", weiß Schreier. Wie? Indem man etwa die Aussprache des "sch" in "unendliche Schöne", den Anlaut von "Wonne" oder "deine Blumen" bewusst vorbereitet und auf eine spezielle Art heraushebt. Das wird geübt. Zudem muss sich die Stimmung dem Text anpassen: hier genüssliche Ruhe, dort atemlose Aufregung.

Auch die "ganz große Leidenschaft", mit der Götterliebling Ganymed sich dem Göttlichen hingibt, muss dem Zuhörer vermittelt werden. "Frühling, Geliebter! Das ist Ekstase! Expressiver bitte, aber nicht lauter!" Wenn das so einfach wäre! Wie oft sie wohl "Alliebender Vater" wiederholt hat?

Im Gegenzug fragt die Sängerin immer wieder den älteren Ratgeber, ob sie dies oder jenes nicht allzu übertrieben ausspreche. "Du kannst nie genug machen", antwortet dieser, "es ist nie zuviel!"
Susanne Eckstein



Sächsische Zeitung 09.09.2013
Die Kruzianer feiern Martin Flämig, den Kreuzkantor der Wende-Zeit.
Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer und Tenor Peter Schreier verneigen sich

[.....] Flämig wäre am 19. August 100 Jahre alt geworden. Anlass, ihn nun zu würdigen – mit einer Vesper und einem Gespräch in der Reihe „Kruzianern begegnen“. Zu diesem Talk, dem sonst vielleicht 150 lauschen, blieb das Kirchenschiff am Sonnabend voll. Mit Peter Schreier saß der zweifelsfrei erfolgreichste Kruzianer auf dem Podium. Nach überstandener Krankheit zwar langsam beim Gehen, aber klar in den Worten. Er kannte den Jubilar nicht mehr als Chormitglied, aber er verdanke ihm, dass er nach einer desaströsen Überforderung der Stimme überhaupt wieder zum Singen fand. Peter Schreier ist eben ein Mensch, der sofort alle Sympathien hat. [....]

Immer wieder gibt es den Vorwurf, der schon sehr betagte Kantor habe die Jungs zu wenig musikalisch vorangebracht. Peter Schreier widersprach nicht, obwohl Flämig das kirchlich dominierte Chorrepertoire deutlich und auch um weltliche Komponisten erweitert hatte. Vor allem der Zweitjob des Kantors in der Schweiz habe sicher die Probenarbeit in Dresden beeinträchtigt. „Aber er hat den Kreuzchor in diesen Zeiten zusammengehalten. Nur das zählt!“ [....]. B.K.


Peter Schreier: Kreuzkirche (l) und Mendelssohn-Haus (r)



Leipziger Volkszeitung 05.09.2013
Ausdruck und Persönlichkeit
Peter Schreier und seine Meisterklasse präsentieren heute Abend im Gewandhaus die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit

„Singen könnt ihr ja alle irgendwie, aber es kommt auch auf den Ausdruck an und wie ihr eure eigene Persönlichkeit einbringt“, bemerkt Peter Schreier (78) mit ausladenden Gesten zwischen zwei Einsätzen seines Meisterkurs.

Für drei Tage sind fünf professionelle Musikerpaare verschiedenster Nationalitäten angereist, um mit dem international renommierten Tenor und Dirigenten im Leipziger Wohnhaus von Felix Mendelssohn zu arbeiten. Jürgen Ernst, Leiter des Mendelssohn-Hauses empfindet dies als große Ehre: „Am authentischen Ort mit dem Weltstar und Mendelssohn-Preisträger Peter Schreier den musikalischen Gedanken Mendelssohns, das heißt das Vermitteln von Musik, aufheben zu lassen, ist großartig.“ Dafür haben die Sänger und Pianisten ein Repertoire aus Liedern von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Robert Schumann einstudiert, das sie in gemeinsamen Stunden mit Schreier perfektionieren. Der Fokus liegt dabei auf der Interpretation: Nicht so übertrieben, leiser, zorniger, deutlicher lauten die Anweisungen Schreiers, während er die Lieder durchlebt und mit den Armen rudert, wenn ein Stück den Höhepunkt erreicht. Die Schüler hingegen scheinen hochkonzentriert an Schreiers Lippen zu hängen und erstaunlich schnell gelingt es ihnen, die Ratschläge umzusetzen. In einem Abschlusskonzert präsentieren sie ihre Ergebnisse heute Abend im Gewandhaus.
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Ronald Gonsalves 06.2013
Bach-Medaille für Peter Schreier

Am Freitag den 21. Juni 2013 wurde im Festsaal des Alten Rathauses in Leipzig durch den Oberbürgermeister Burkhard Jung, die Bach-Medaille der Stadt Leipzig an Peter Schreier übergeben.

In der Jury-Begründung hiess es: "Mit Peter Schreier ehren wir einen außerordentlich vielseitigen Künstler. (…) Seine Interpretationen der Bachschen Evangelistenpartien zählen zu den Meilensteinen der Bach-Interpretation des 20. Jahrhunderts. Als Dirigent von Bachs Passionen, des Weihnachts-Oratoriums und verschiedener Orchesterwerke hat er gleichfalls Maßstäbe gesetzt. In Zeiten geteilter politischer und musikalischer Welten war Schreier ein beeindruckender Botschafter und Brückenbauer zwischen Ost und West."

Olaf Bär, Sänger-Kollege und Freund Schreiers, sprach eine sehr persönliche Laudatio, das Quartett Opella Musica sang Motetten von Schein, Schütz und Bach. Nach der Verlesung der Urkunde durch den Direktor des Bach-Archivs Leipzig, Christoph Wolff und der Verleihung der Medaille (aus Meissner Porzellan) sprach Peter Schreier, sichtbar bewegt aber mit fester Stimme, ein kurzes Dankwort in dem er u.A. sagte: "Mein Leben war vom 10. Lebensjahr an von Bach beherrscht.(...) Ich siehe diese Ehrung als die Krönung meiner Bach-Arbeit an."
Die Anwesenden dankten ihm mit einem sehr langen Applaus.






Sächsische Zeitung 22.06.2013
Erster Auftritt nach dem Koma
Peter Schreier erhält den Bach-Preis. Das ist überfällig, schließlich gilt der Dresdner als Top-Interpret des Komponisten.

Von Bernd Klempnow
Der Prophet gelte nichts im eigenen Lande, so heißt es. Zumindest war das lange so in Leipzig. Denn dort wird jährlich der Bach-Preis vergeben, und viele mehr oder minder bedeutende Experten haben ihn bekommen – nur der wichtigste Bach-Interpret des 20. Jahrhunderts bislang nicht. Seit Freitagnachmittag ist diese Peinlichkeit Geschichte. Bei einem Festakt im Alten Rathaus erhielt Peter Schreier den Preis in Form einer Meissener Medaille mit dem Porträt Johann Sebastians.

Peter Schreier & Burkhard Jung

Lobende Worte gab es für den Dresdner Musiker: Speziell seine Interpretationen der Bach'schen Evangelisten-Partien seien Meilensteine gewesen, würdigte man den Tenor, der 2005 seine Sängerkarriere beendet hatte. Seine dirigentischen Leistungen bei der Leitung von Passionen und Oratorien des Leipziger Komponisten hätten weltweit Maßstäbe gesetzt. Der 77-Jährige dankte gerührt für „die große Ehre“.

Nun hat Schreier so ziemlich alle Musik-Preise von Rang, darunter den Bach-Preis der Royal Academy of Music London. Trotzdem war der Leipziger Festakt für ihn ein besonderer. Es war der erste öffentliche Auftritt nach seiner überstandenen lebensbedrohlichen Erkrankung. Bis Mitte dieser Woche weilte er noch zur Reha, wo er wieder laufen lernte und Kräfte aufbaute.

Auch am Freitag war er noch sichtbar schwach. Immerhin geht es ihm allmählich besser, was er selbst als „ein Wunder“ bezeichnet. Der Star war Anfang März nach einem Urlaub auf den Kapverden zusammengebrochen. Als man ihn ins Krankenhaus brachte, zog er sich eine doppelseitige Lungenentzündung zu, erlitt zwei Schlaganfälle und fiel zeitweise ins Koma.

So bedeutete der Leipziger Bach-Preis – so fast beleidigend überfällig er war – für den Musiker eine starke Motivation während der Reha. Peter Schreier wollte die Auszeichnung unbedingt selbst in der Stadt des von ihm geschätzten Thomaskantors entgegennehmen.

Erst im Oktober stehen wieder Arbeitstermine an. Lied-Wettbewerbe und Meisterkurse sind unter anderem in München geplant. Bis dahin will es Peter Schreier ruhig angehen und dabei sicher seinem neuen Hobby beim Gedeihen zusehen. Um sein Sommerhaus in Kreischa wachsen nämlich neuerdings Reben.




Bild 27.05.2013
Peter Schreier: Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe
Jürgen Helfricht
Dresden/Pirna – Ein Mann tastet sich langsam zurück ins Leben: Star-Tenor und Dirigent Prof. Peter Schreier (77)!

Schreier: „Es grenzt an ein Wunder, dass ich alles gut überstand, mich wieder bewegen und sprechen kann. Meine Familie rechnete bereits mit dem Schlimmsten.“

Alles begann mit der Rückkehr von seinem Haus auf den Kapverden (Afrika). Schreier: „Ich fühlte mich schon auf dem Flug schlapp. Am 10. März kam ich nicht mehr aus dem Bett.“ Der Rettungsdienst brachte ihn ins Uni-Klinikum, wo auf Intensiv- und Wachkomastation eine Odyssee begann. Schreier: „Nach einer doppelseitigen Lungenentzündung folgten zwei Schlaganfälle, ich fiel ins Koma und wurde künstlich ernährt.“

Wochenlang kämpften die besten Professoren wie Nephrologe Christian Hugo (49), Chef- und Oberärzte um sein Leben. Schreier: „An das Koma habe ich keine Erinnerung. Nur an die Zeit danach. Da war mir alles egal. Doch plötzlich besserten sich die Werte. Es leuchteten wieder die Augen meiner lieben Frau Renate, meines Bruders und der Söhne, die mich am Krankenbett besuchten.“

Peter Schreier, Bavaria-Klinik, Kreischa, 05.13

Schreier weiter: „Ich habe 20 Kilo abgenommen. In der Bavaria-Klinik werde ich bestens umsorgt. Erste Schritte kann ich schon wieder allein laufen. Jeden Tag wird es besser und Fußball gucken im TV macht auch wieder Spaß.“

Seine große Hoffnung: „Dass ich am 21. Juni so fit bin, den Bach-Preis der Stadt Leipzig in Empfang nehmen zu können.“


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