2013 - 2017




- Peter Schreier beackert Kreischa

- Tenor Peter Schreier erhält Sächsischen Verdienstorden

- Mein Hund lernt jetzt Klavier
- Ein Kreuz fürs Leben

- „Es triumphiert der Dresdner Kleingeist“
- Peter Schreier und Festival DAVE mit Kunstpreis der Stadt Dresden geehrt

- in Wiedersehen mit Peter Schreier

- Lobpreisung Nummer zwei
- Peter Schreiers letztes Weihnachtsoratorium

- Peter Schreier: Die heutigen Kruzianer singen zu brav
- "Es gehört Mut dazu, sich zu präsentieren"
- Krebsdrama um Sachsens bekanntesten Hund!
- Seufzet, frohlocket – stehende Ovationen für eine Totenmesse

- Peter Schreier dirigierte Mozarts Ave verum corpus und Requiem
- Peter Schreier (80)

- Peter Schreier, der Evangelist für Generationen
- Singen so natürlich wie sprechen
- »Ich möchte das Leben noch lange genießen«
- Erziehung des Herzens

- "Ich singe nicht mal unter der Dusche“
- Das singende Tafelsilber
- Heute wird der grosse Peter Schreier 80!
- Der Neonhelle

- Der ideale Müllerbursche – lebenslang und eindrucksvoll

-
Stimmwunder Peter Schreier wird 80 Jahre alt
- Peter Schreier - 80. Geburtstag in Dresden
- Sein Tod machte mich zum Weltstar
- Musik als Lebenselixier - Tenor Peter Schreier wird 80
- Wortbrüchig für den guten Zweck

- "Auf Flügeln des Gesanges..."
- Der grosse Peter Schreier (78) spricht über den Tod
- Peter Schreier liest Briefe in Großenhain
- Mozart hat er am liebsten gesungen
- Peter Schreier in Chemnitz
- Peter Schreier frohlocket wieder
- "Jauchzet, frohlocket" zum Jubiläum
- Schön singen reicht nicht!
- Die Kruzianer feiern Martin Flämig
- Ausdruck und Persönlichkeit
- Bach-Medaille für Peter Schreier
- Erster Auftritt nach dem Koma
- Peter Schreier: Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe



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Sächsische Zeitung
11.06.2016
Peter Schreier beackert Kreischa
Es geht wieder los: Der berühmte Dresdner Künstler plant erneut eine Schumanniade, lockt Japaner ins Lockwitztal und mäht schon mal am Schumann-Weg.
Von Bernd Klempnow

Ein neuer Orden, Herr Kammersänger? „Jawohl und diesmal der Sächsische Verdienstorden“, sagt Peter Schreier. „Der Ministerpräsident hat so viele kluge und engagierte Menschen ausgezeichnet. Ich weiß gar nicht, wie ich zu der Ehre komme. Ich bin doch schon so lange raus aus dem Geschäft.“ Wie immer ist der Dresdner zu bescheiden, der als Sänger und Dirigent weltweit und Jahrzehnte die Bühnen und Konzerthallen mit seiner Kunst zum Toben gebracht hat. Wohl setzte sich der 81-Jährige unlängst damit zur Ruhe – untätig für die Sachsen ist er dennoch nicht. Peter Schreier sorgt mit dafür, dass internationale Stars und Publikum ins beschauliche, osterzgebirgische Kreischa kommen.

„Es ist wie derzeit im Garten: Es geht wieder los. Überall wächst und blüht es, braucht es einen Gärtner. Da wird es Zeit für die Schumanniade in Kreischa“, sagt der Tenor. Mit dem Kunst- und Kulturverein Kreischa organisiert er alle zwei Jahre so ein Fest, das an den Aufenthalt von Robert Schumann und Familie 1849 erinnert. Eigentlich waren die Schumanns vor den revolutionären Unruhen aus Dresden nach Maxen auf den Berg geflüchtet. „Doch dort residierten alsbald Adlige. Er konnte irgendwann deren Gerede nicht mehr ertragen. Die Familie bezog in Bad Kreischa im Lockwitztal Quartier“, sagt Schreier. „Ein guter Grund, die hier in der Region entstandenen Arbeiten von Robert immer wieder mal aufzuführen.“

Speziell viele Lieder hatte der Schöpfer der „Frühlingssinfonie“ hier vertont. Einige davon erklingen nun bei der mittlerweile neunten Schumanniade. Besonders reizvolle Arrangements hat Schreier für das Abschlusskonzert ausgewählt. Es sind Klavierbearbeitungen von Franz Liszt, „nicht so typisch deutsch-bombastisch wie sonst, sondern Liszt-untypisch sehr sensibel. Gut, dass wir als Interpreten den hochtalentierten Alexander Krichel gewinnen konnten.“ Das Programm der Schumanniade ist wieder so attraktiv, dass Japaner extra anreisen. „Wir haben als kleiner Verein eine bemerkenswerte Ausstrahlung.“

Schreier ist zwar Dresdner, hat aber seit den 70er-Jahren in Kreischa ein Haus mit großem Grundstück. Und das liegt zufällig am sogenannten Schumann-Weg. Den nutzte nachweislich die berühmte Komponistenfamilie bei ihren ausgedehnten, teils strapaziösen Wanderungen von Maxen nach Saida. Und auf der Wiese, wo heute Schreiers Haus steht, könnte das Paar mit den Kindern Pause oder Picknick gemacht haben. Schreier dankt der Gemeinde Kreischa diesen Zufall auf seine Weise – neben der Schumanniade. Er stiftete 1997 eine Büste von Robert, die im Kurpark steht, und er pflegt das Areal. Das ist zwar steil, aber der Kammersänger verfügt über einen beachtlichen, PS-starken Fuhrpark. Jeder Grundstücksbesitzer bekommt glänzende Augen oder erblasst, je nachdem wie er veranlagt ist. Da gibt es unter anderem eine elektroangetriebene Schubkarre, die die Steigungen nur so nimmt. Da gibt es einen Rasentraktor, der vierzig Zentimeter hohes Grass gleich mulcht. Es gibt einen weiteren Rasentraktor, der häckselt und als Gabelstapler Lasten wie riesige Kakteen-Töpfe transportiert. Wenn Schreier die Fahrzeuge vorführt oder erklärt, glaubt man ihm, wenn er sagt: „Im nächsten Leben werde ich gewiss Landwirt.“

Peter Schreier in Kreischa

Bis dahin ist noch etwas Zeit. Der legendäre Sänger hatte zwar in den vergangenen Jahren schwere gesundheitliche Probleme, lag gar im Koma. Aber er erholte sich wieder großartig, auch wenn der Ischiasnerv derzeit muckert. Regelmäßig Physiotherapie, und der agile Mann beackert seine Kreischaer Flur. Bereits in Planung ist die nächste Schumanniade 2018. „Aber dann ist Schluss, müssen andere ran“, sagte Peter Schreier. Dabei wissen alle, er macht weiter, wenn er gebraucht wird.




Musik Heute
30.05.2016
Tenor Peter Schreier erhält Sächsischen Verdienstorden

Der Tenor und Dirigent Peter Schreier erhält den Sächsischen Verdienstorden. Die Auszeichnung werde dem 80-Jährigen am Mittwoch [01.06] von Ministerpräsident Stanislaw Tillich überreicht, teilte die Staatskanzlei am Montag mit. Insgesamt werden zwölf Personen für herausragendes Engagement im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder gesellschaftlichen Bereich geehrt.

Schreier zähle zu den verdienstvollsten Künstlern Deutschlands und Sachsens, hieß es in der Mitteilung. International gefragt, war er etwa ständiger Gast der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala und über 25 Jahre bei den Salzburger Festspielen. Seit 1981 gab Schreier als Honorarprofessor an der Dresdner Musikhochschule sein Können an internationale Studenten weiter. Zudem habe er sich regelmäßig für das Allgemeinwohl eingebracht. Davon zeugten Benefizkonzerte etwa zugunsten der Rettung der historischen Altstadt von Meißen. [...]




Bild
05.05.2016
Mein Hund lernt jetzt Klavier

Peter & Renate Schreier + Tyson, 05/2016
Peter & Renate Schreier + Tyson

Ein wenig schräg klingt‘s noch, wenn Tyson in die Tasten haut. „Aber er macht Fortschritte“, lacht Prof. Peter Schreier (80), der Star-Tenor, über seinen neuesten Schüler.
[....]




Der Sonntag
13.04.2016
Ein Kreuz fürs Leben
800 Jahre Geschichte feiern der Dresdner Kreuzchor, Kreuzkirche und Kreuzschule in diesen Wochen. Der Sänger Peter Schreier [und der Schriftsteller Ingo Schulze] über das, was bleibt aus ihrer Zeit in der Kreuzschule.

Peter Schreier: Ich kam 1945 in den Kreuzchor, als Dresden in Schutt und Asche lag. Damals haben wir nur für den Chor gelebt, die Schule ging erst ein halbes Jahr später wieder los.

Die Zeit im Kreuzchor ist nicht nur eine musikalische Ausbildung, sondern in ihr wird auch der Charakter gebildet. Das Zusammenwachsen eines Bundes, wo jeder vom anderen abhängig ist, wo man sich unterordnen muss und trotzdem seine Persönlichkeit nicht verliert – das habe ich im Kreuzchor gelernt. Ich profitiere bis heute davon.

Was mich als Kruzianer besonders begeistert hat, war der Evangelist in den Passionsaufführungen. Wie er mit seiner ganzen Person und seiner ganzen Leidenschaft etwas verkündet. Seitdem wollte ich bis zuletzt als Sänger mit meiner Stimme, die mir der liebe Gott gegeben hat, die Menschen von etwas überzeugen.

Ich glaube, im Unterbewusstsein hat meine Zeit im Kreuzchor auch meinen Glauben geprägt. Wir haben jeden Sonntag im Gottesdienst der Kreuzkirche gesungen – er ist der Chor dieser Kirche bis heute. Bei den Motetten von Bach und Schütz wurde mir ganz klar, dass das eine göttliche Musik ist. Sie verlangen geradezu nach einem Glauben.

Und bis heute haben wir auch jedes Jahr ein Klassentreffen, wir stehen immer in Verbindung. Meine Mit-Kruzianer sind nach wie vor meine besten Freunde. Das hat man fürs ganze Leben.

Der Sänger Peter Schreier (80) wurde 1945 Kruzianer und später einer der weltweit renommiertesten Tenöre. [....}



Sächsische Zeitung
23.03.2016
„Es triumphiert der Dresdner Kleingeist“
Peter Schreier zum Streit ums Kreuzchor-Jubiläum: Singen im Dynamo-Stadion tut gut, das Logo passt auch ohne Kreuz.
- Von Bernd Klempnow

Peter Schreier 03-2016


Dienstagvormittag in Dresden-Loschwitz. Peter Schreier öffnet lächelnd die Pforte und bittet ins Haus – natürlich ins Wohnzimmer mit Blick über Dresden. Während Frau Schreier starken Kaffee in Meissener Porzellan – Dekor Mohnblume – reicht und ein aufgeregter Labrador freundlich den Gast begrüßt, greift sich der Starmusiker und SZ-Abonnent die Zeitung vom Wochenende und liest noch einmal die Leserbriefe zum Streit um die 800-Jahr-Feier des Kreuzchores. Die Wurzeln zur Kirche würden gekappt, steht dort, und Traditionen würden missachtet. Das Marketing sei ein Ausverkauf an Sponsoren, meint ein Leser. Ein anderer kritisiert, dass dieses Jahr erstmals auf die Ostermette in der Kreuzkirche verzichtet würde. „Jetzt hört es aber auf“, so der 80-Jährige, „der Chor kann nicht noch die Mette vorbereiten, weil er in Salzburg auftritt, dort, wo sich die Musikwelt trifft. Anstatt stolz zu sein, triumphiert dieser Dresdner Kleingeist.“ Peter Schreier, der prominenteste Kruzianer des 20. Jahrhunderts, gerät aber nur kurz in Rage: „Jeder will mitreden, und viele haben von so vielem keine Ahnung.“

Herr Schreier, heute schon wie andere Ex-Kruzianer eine Wutmail zum Kreuzchor-Management geschickt?
Warum sollte ich das tun? Kreuzkantor Roderich Kreile und sein Chor, der in einer Top-Verfassung ist, leisten eine hervorragende Arbeit. Sie kommen mit Freude und Engagement ihren kirchlichen Aufgaben nach, sie pflegen unverändert unser großes Repertoire und setzen nun im Jubiläumsjahr den einen oder anderen Höhepunkt obendrauf. Nein, es gibt keinen Anlass für Bösartigkeiten. Wohl ist es 60 Jahre her, dass ich im Kreuzchor war, und man kann die Zeiten nicht vergleichen. Ich gebe aber zu bedenken, ob es sich lohnt, einen Streit über Kleinigkeiten und Halbwahrheiten zwischen Stadt und Kirche oder intern zu führen. Wenn ich bedenke, was Kreuzkantor Rudolf Mauersberger mit uns in den schweren Nachkriegsjahren zu leisten hatte, welche existenziellen Kämpfe er mit DDR-Stellen auszufechten hatte, verstehe ich diesen Lärm um faktisch nichts nicht.

Der Chor drifte ins ideologische und religiöse Niemandsland, so ein Vorwurf.
Stimmt nicht! Wie oft soll es Kreuzkantor Kreile noch betonen, und wie oft sollen es die Kruzianer fast jede Woche mit ihren Vespern und Gottesdiensten beweisen, dass sie eine Einheit mit Kreuzkirche und Kreuzschule bilden. Die Trias von Glauben, Musik und Bildung sehe ich beim Kreuzchor nicht gefährdet. Im Gegenteil, gut 70 Prozent der Kruzianer stammen unverändert aus kirchlich gebundenen Familien. Sie sind gute Schüler, und ihre Ausbildung als Sänger ist besser denn je. Was sie allein an Stimm- und musikalischer Erziehung erhalten, ist fantastisch. Entsprechend viele ehemalige Kruzianer werden exzellente Sänger und Kapellmeister. Bei uns gab es diese Bildungsangebote nicht, und so blieben nur wenige bei der Musik.

Dennoch: Das Kreuz ist aus dem Logo verschwunden. Ein böses Zeichen?
Also, das Logo hat sich, ähnlich wie bei anderen Traditionsinstituten wie Semperoper und Staatskapelle, in der Vergangenheit oft verändert. Dafür gibt es manchmal drucktechnische oder visuelle Anforderungen, oder man will die eigene Präsentation neu profilieren. Ich persönlich halte von Logos nichts und habe nie entsprechende Anstecker getragen. Erstens, wer kennt schon Logos? Zweitens, und damit zum Kreuzchor zurück, das Kreuz ist doch im Namen des Chores drin! Mehr geht nicht.

Kritik gibt es von Kirchenleuten und Ex-Kruzianern, dass der Chor im Advent vor 12 000 Atheisten im Dynamo-Stadion gesungen hat. Was sagen Sie?
Ich habe die Ankündigung zunächst auch kritisch gesehen, weil so ein Stadion immer die Gefahr einer Eventisierung birgt. Meines wäre es deshalb nicht, ich liebe mehr die Kammermusik-Atmosphäre. Aber ich musste feststellen, dass im Dynamo-Stadion viele Menschen den Kreuzchor erlebt haben, die zuvor nie in die Konzerte und Vespern gekommen sind. Die haben plötzlich Freude an dem Gesang und der Botschaft dieses Chores gefunden. Sogar der berüchtigte K-Block war besetzt, und es herrschte dort eine tolle Stimmung. Wer die Bilder sah, wie die Jungs gestrahlt haben, als sie sich in den Kabinen der Dynamos umziehen und dann über den Rasen laufen durften und von den Tausenden gefeiert wurden, der kann das doch nicht kritisieren. Er sollte sich über den Erfolg und das Glück der Kruzianer freuen.

Haben Sie ähnliche Angriffe erlebt?
O ja, viele. Ein Beispiel: Als ich 1982 Bachs Matthäuspassion mit der Staatskapelle in der Lukaskirche für die Deutsche Schallplatte aufnahm, kam der Vorschlag, diese tolle Arbeit auch live aufzuführen. In kürzester Zeit wurde von der Schallplatte ein Konzert arrangiert – doch in der Kirche auftreten durften wir nicht. Die Kirchenleitung wollte kein staatliches Unternehmen in ihrem Haus. Also machten wir es im Kulturpalast. Da kamen bitterböse Briefe von Dresdnern: Wie könne ich als alter Kruzianer die Matthäuspassion nicht unter dem Kreuz Jesu machen, sondern in einem profanen Raum. Ich habe allen geantwortet, dass ich die Matthäuspassion seit Jahren überall auf der Welt auch ohne Kreuz, ob im Musikverein Wien, im Concertgebouw Amsterdam oder in der Münchner Philharmonie, interpretiere. Die großen Werke mit ihren humanistischen Werten gehören doch nicht nur den religiös gebundenen Menschen, sondern der gesamten Menschheit als Erbe. Da war man in Dresden konservativ und ist es vielleicht heute noch.

Bei Mauersberger war alles besser, sagen Ihre Ex-Kruzianer. War es das?
Das ist diese typische Glorifizierung, die normal ist, und, je weiter die Zeit zurückliegt, noch größer wird. Kommt mein Jahrgang zusammen, reden wir auch über unsere goldenen Jahre in eigentlich schweren Zeiten. Ja, wir waren tatsächlich eine verschworene Gemeinschaft, wie wohl alle Jahrgänge vor und nach uns. Das macht ja die Kruzianer so stark, weil sie einander achten und respektieren, selbst wenn es Unsympathen gibt. Nein, auch Kreuzkantor Mauersberger hat Kompromisse gemacht, nicht wenige freiwillig. Wer ihn nur auf den kirchentreuen Mann fokussiert, verdrängt, wie viele weltliche Konzerte wir gegeben haben und in welchen Clubhäusern und Hallen wir aufgetreten sind. Manch unschöner Kompromiss ermöglichte an anderer Stelle Freiheiten.

Ernst nehme ich Sorgen der Eltern, dass ihre Kinder durch die vielen Aufgaben überfordert würden. Ist das so?
Die Sorge, dass es vielleicht zu Versäumnissen in der Schule kommt, verstehe ich. Die gab es aber schon zu meinen Kreuzchor-Zeiten, wenn wir bis 22 Uhr Konzerte gaben. Doch das gehört zum Kruzianer-Alltag. Hätten wir nach der halben Passion aufhören sollen? Ja, die Jungs sind in der heute unvermeidlich medialen Darstellung des Chores stark eingebunden. Aber ich habe den Eindruck, ihnen macht es Spaß. Würden sonst die Knaben und erst recht die jungen Männer ihrem Kantor ohne zu murren folgen? Schauen Sie in die lachenden Gesichter. Das kann man nicht bei so vielen Jugendlichen inszenieren. Natürlich, die Schule ist wichtig, und fast jeder Kruzianer hat bisher einen guten Abschluss geschafft. Aber die fordernden und zugleich ungemein fördernden Jahre in diesem Chor geben einem ungleich mehr. Davon zehren Sie ein Leben lang.



Dresdner Neueste Nachrichten
21.03.2016
Peter Schreier und Festival DAVE mit Kunstpreis der Stadt Dresden geehrt
Von Katharina Haas

Dresden. Die diesjährige Verleihung des jeweils mit 5000 Euro dotierten Kunst- und des Förderpreises der Stadt Dresden auf Schloss Albrechtsberg bot Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) eine Steilvorlage, um Dresden als Stadt der Tradition und Moderne, der Bewahrer und Erneuerer, der selbstbewusst Weltoffenen zu präsentieren. Um die Preisträger Peter Schreier (80) und die Vertreter des Festivals DAVE, Dresden Audio Visual Experience (die älteren von ihnen nehmen Anlauf auf ihren 40. Geburtstag), war ein Festakts-Programm arrangiert, bei dem den Gegensätzen zum Trotz irgendwie alles stimmte. Der Harmonie war es schon fast zu viel.

[...] Der musikalische Anfang der Preisverleihungs-Zeremonie war ganz Peter Schreier gewidmet, dem Kunstpreisträger des Tages, der für sein Lebenswerk geehrt wurde, dem Kruzianer der 1940er Jahre. Kreuzkantor Roderich Kreile führte folgerichtig und ganz im gegensätzlich-harmonischen Geist der Feierlichkeit, seine Jüngsten zum Auftritt, die wie in jedem neuen Jahrgang kindlich ernsthaften und musikalisch erstaunenden Viertklässer. Kreile: „Tradition gibt Kraft für die Zukunft“. Ähnlich hatte sich der OB geäußert. Es gelte, das Erbe als Chance zu entdecken, Neues zu wagen: „Was sich bewegt, bleibt lebendig.“

Peter Schreier - OB Hilbert, 19032016
Peter Schreier - OB Dirk Hilbert

Matthias Herrmann, Professor für Musikwissenschaft an der Dresdner Musikhochschule. skizzierte als Peter Schreiers Laudator dessen internationale musikalische Karriere, immer mit Fokus sowohl auf Schreiers menschlichen Stärken als auch auf seiner Verbundenheit mit der Stadt, in der er seit 1945 lebt. Und – auch das passte zu der Stunde, in der alles stimmte – Herrmann vergaß nicht die Spitzen gegen jene neuen lauten Stimmen aus Dresden, die den Wunsch nach Weltoffenheit konterkarieren. Aber, auch davon nicht zu viel. Freundlich und kurz bedankte sich Schreier. Er habe die Kultur Dresdens nach draußen getragen, er sei stolz auf den Kunstpreis. [....]



Sächsische Zeitung 15.03.2016
Ein Wiedersehen mit Peter Schreier
Von Ulrike Keller

Coswig. Seit Tagen treibt Erika Hölzig aus Sörnewitz ein immer näher rückender Termin um. Am Donnerstagabend ist ein Grandseigneur zu Gast in der Coswiger Börse, deren Wirken sie seit 70 Jahren aus der Ferne verfolgt: Peter Schreier. Ihr Interesse geht auf einen Sommertag im Jahre 1945 zurück. Sie ist ein junges Mädchen damals und bei einem Bauern im Gauernitzer Ortsteil Constappel angestellt. Die Tochter des Landwirts vertritt vorübergehend den dortigen Kantor, Kantor Schreier. Überraschend bringt sie mittags dessen zehnjährigen Sohn Peter zum Musizieren in der Stube mit. Erika Hölzig hat gerade in der Küche zu tun und bekommt den zu der Stimme gehörenden Jungen nicht einmal zu Gesicht. „Aber ich weiß noch: Ich musste ganz leise sein“, sagt die 85-Jährige. „Es war schon bekannt, dass er im Kreuzchor singt und was drauf hat.“ Von all dem würde sie Peter Schreier zu gern einmal persönlich erzählen. Ob dies am Donnerstag am Rande des Konzerts möglich wird, hängt davon ab, ob der 80-jährige Weltstar es einzurichten vermag.

Die Gelegenheit ist in jedem Falle einmalig. Karten zu 15 Euro und obendrein für einen guten Zweck. Denn die Veranstaltung bildet den Abschluss einer Benefizkonzert-Reihe der Initiative Coswig – Ort der Vielfalt. Die Einnahmen dienen den 160 Ehrenamtlichen als finanzielle Grundlage, um auch in Zukunft kontinuierlich wirkungsvolle Flüchtlingsarbeit in der Stadt leisten zu können. Dafür verzichten alle Künstler vollständig auf ihr Honorar.

Dass Peter Schreier für dieses Vorhaben gewonnen werden konnte, verdankt die Initiative maßgeblich Wolfgang Hentrich, dem musikalischen Leiter des Philharmonischen Kammerorchesters Dresden. Ihn hatte Vereinsvorsitzende Christiane Matthé um Unterstützung in Form eines Konzerts gebeten, nachdem sich beide schon lange über die Villa Teresa kennen. Wolfgang Hentrich war von der Idee derart angetan, dass er die Anfrage auch an Peter Schreier herantrug. Mit ihm verbindet ihn eine 25-jährige Zusammenarbeit. „Peter Schreier hat es mir gleich in die Hand versprochen“, verrät Wolfgang Hentrich. Wegen des Trubels, den die Verleihung des Dresdner Kunstpreises ausgelöst hat, war der Kammersänger und Dirigent für ein kurzfristiges SZ-Gespräch nicht erreichbar.

Seine Zusage freut Vereinsvorsitzende Christiane Matthé jedoch auch aus einem anderen Grund besonders. Peter Schreier hat einen engen biografischen Bezug zu Coswig. In früheren Veranstaltungen in der Villa Teresa berichtete er, dass er als Junge immer die Kötitzer Straße entlang spazierte, wenn er auf dem Weg zu Kantor Zimmermann war. Bei ihm nahm er Unterricht in der Peter-Pauls-Kirche. „Er erzählte auch, dass der Kantor oft im Hause seiner Eltern in Gauernitz Gast war und zusammen Hausmusik gemacht wurde“, erinnert sich Christiane Matthé. In Gauernitz war Peter Schreiers Vater hauptamtlich als Lehrer und nebenberuflich als Kantor tätig.

Auf die Bühne der Börse Coswig bringt Wolfgang Hentrichs Philharmonisches Kammerorchester Dresden unter dem Dirigat von Peter Schreier bewusst zwei Sinfonien von Mozart. Zwei fröhliche und leichte Werke. „Bei Mozart-Arien und -Opern konnte man schon immer so wunderbar die Musikalität von Peter Schreier hören“, sagt Wolfgang Hentrich. „Gefesselt hat mich bereits als Kind seine Kunst, auch den Inhalt glaubhaft zu machen, sodass man versteht, wovon er singt.“ Diese Gabe bringe er als Dirigent ebenso ein. „Neben dem schönen Klang entfaltet er eine Sprache zum Publikum.“ Ergänzend zur Musik wird Lars Jung vom Staatsschauspiel Dresden Texte der Weltliteratur rezitieren. [...]




Sächsische Zeitung
19.02.2016
Lobpreisung Nummer zwei
Peter Schreier erhält Dresdens Kunstpreis.
Von Bernd Klempnow

Er ist und bleibt bescheiden. Starmusiker Peter Schreier, dreimaliger Kammersänger, der deutsche Ehrungen vieler Art und wohl alle wichtigen Musikpreise Europas erhalten hat, ist „ehrlichen Herzens gerührt“. Das zur Heimatstadt gewordene Dresden zeichnet den bei Meißen Geborenen in diesem Jahr mit dem Kunstpreis aus. Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) wird seine Wahl am Freitag bekannt geben. Die Verleihung findet nach Ostern statt. „Da ist meist auch schöneres Wetter zum Feiern“, so Schreier.

Photo: Dresdner N.Nachrichten
Photo: Dresdner Neueste Nachrichten


Erstaunt nahm der 80-Jährige am Donnerstag zur Kenntnis, wer neben ihm mit dem Förderpreis bedacht wird: das erst seit zwei Jahren existierende, ehrenamtlich geführte Dave-Festival. Dieses Festival überschreitet Grenzen zwischen visueller und auditiver Kunst, zwischen Hoch- und Subkultur, zwischen etablierten Institutionen und engagierten Projektemachern. „So ein Bündnis fehlte bislang in Dresden“, sagt Schreier, „eine gute Wahl.“ Er selbst sieht in der mit 5 000 Euro dotierten Auszeichnung „eine Anerkennung meiner Verbundenheit mit Dresden“. Fürwahr: Der Star, der Jahrzehnte in den Musikzentren von New York bis Tokio gesungen und musiziert hat, ist trotz aller Lockangebote stets ins Elbtal heimgekehrt. Hier hat er Haus und Garten, hier engagiert er sich unverändert für kulturelle Belange. Weltweit hat er für Dresden und seine Bauten geworben. Unzählige Benefizkonzerte gab er etwa für den Wiederaufbau der Frauenkirche und die Rekonstruktion der Loschwitzer George-Bähr-Kirche sowie für Denkmale in Meißen. Er hat sogar das selbst gesteckte Ziel, auch mit dem Dirigieren aufzuhören, im vergangenen Jahr noch einmal verschoben. Weil die Dresdner Philharmonie mit ihm den Restbetrag für die neue Orgel des neuen Kulturpalastes einspielen wollte. Dazu muss man wissen: Schreier sagt von sich: „Ich bin so gerne faul.“

Und doch ist die Verleihung dieser Lobpreisung 2016 etwas ganz Besonderes. Zum ersten Mal in der mehr als 80-jährigen Geschichte des Preises erhält ihn eine Persönlichkeit zum zweiten Mal. Schreier wurde bereits 1970 damit geehrt. Der Blick ins Archiv lässt staunen und bringt Peter Schreier zum Lachen. „Was, mit mir gemeinsam wurde damals das Gesangs- und Tanzensemble der sowjetischen Garnison in Dresden dekoriert? Großartig. Naja, singen und tanzen konnten die Russen ja fabelhaft. Denken Sie nur mal an ,Kalinka‘. Was wohl aus denen geworden ist?“




LVZ
14.12.2015
Peter Schreiers letztes Weihnachtsoratorium
Abschiedskonzert für Kinderhospiz Bärenherz.

Er war de Evangelist des 20. Jahrhunderts. Nun hat er auch als Dirigent der Bühne den Rücken gekehrt: Der Tenor Peter Schreier. Am Sonntag hat er noch einmal im Gewandhause dirigiert: Bachs Weihnachtsoratorium mit dem GewandhausChor und der Camerata lipsiensis.

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DPA
12.2015
Peter Schreier: Die heutigen Kruzianer singen zu brav
Das Auge hört mit: Der Sänger Peter Schreier hat seine Partien nicht einfach gesungen, sondern gestaltet. Dafür liebt ihn die Musikwelt bis heute. Hohe Anforderungen stellt er auch an den Nachwuchs.

Dresden. Der Tenor Peter Schreier (80) fordert vom sängerischen Nachwuchs mehr Haltung. „Ich habe immer noch das Gefühl, dass die Sänger nur Stimme zeigen wollen“, sagte Schreier im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Schwelgen Sie beim „Weihnachtsoratorium“ noch in Erinnerungen an ihre Zeit im Dresdner Kreuzchor?
Antwort: Die Kinder- und Jugendzeit ist doch die, die man am nachhaltigsten aufnimmt. Mir geht es auch heut noch so: Die Kreuzchorzeit ist für mich, als ob sie erst gestern gewesen wäre. Ich lebe noch gedanklich in dieser Zeit. Die Art und Weise des gemeinsamen Musizierens, die Disziplin, das Hören auf die Nebenstimmen, auf seine Mitsänger. All das sind Dinge, die ich im Kreuzchor kennengelernt habe, sozusagen mit der Muttermilch eingesogen habe. Rudolf Mauersberger hat die Entwicklung des Kreuzchores ungeheuer geprägt. Manche seiner Aufnahmen klingen heute wie aus einer anderen Welt.

Beim Hören von Bachs Oratorien gewinnt man manchmal den Eindruck, die christliche Botschaft durch Musik vermittelt zu bekommen. Sind Ihnen solche Aspekte wichtig?
Ich komme ja aus einem Kantorenhaus; wenn man in diesem Umfeld großgeworden ist, sieht man Bach natürlich auch von der Glaubensseite. Ich meine, ich wurde nicht gefragt, ob ich an Gott glaube, ich hatte einfach daran zu glauben! Diese unterschwellige Erziehung hat natürlich jeden geprägt. Bach selbst hat mit diesem christlichen Glauben, der in ihm so verwurzelt war, diese Musik schreiben können. Und wenn man mich fragt, ob ich an Gott glaube, sag ich ja. Bach ist mein Gott.

Sie sind für eine leidenschaftliche Interpretation der Evangelisten-Partie auch im „Weihnachtsoratorium“. Warum?
Der Evangelist ist doch jemand, der beteiligt ist, der Partei ergreift! Über dieses Thema habe ich übrigens im Clinch gelegen mit John Eliot Gardiner, der nach einer Matthäus-Passion einmal zu mir sagte, ihm fehle da die Distanz. Ich finde, schon allein durch die Art und Weise, wie Bach die Rezitative geschrieben hat mit diesen unglaublichen Intervallsprüngen, das fordert zu einer Deutung doch geradezu heraus! Da kann man nicht sachlich bleiben. Nein, im „Weihnachtsoratorium“ und vor allem in der Matthäus-Passion ist ein Evangelist gefragt, der Stellung nimmt.

Sie haben in den 80er Jahren mit der Staatskapelle Dresden das „Weihnachtsoratorium“ eingespielt und als Dirigent auch gesungen. Eine Aufnahme, die in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich ist, oder?
Das ist, glaube ich, überhaupt einmalig, und übrigens gar nicht so sehr auf meinem Mist gewachsen: Ich sollte das Werk eigentlich nur dirigieren. Bei den Proben meinte die Aufnahmeleitung dann: Herr Schreier, Sie bereiten ja alles vor, indem sie es vorsingen. Wäre es nicht eigentlich gut, Sie würden auch den Evangelisten singen? So ist das zustande gekommen! Dann habe ich das in der ganzen Welt so gemacht: in Australien, in Neuseeland, auch in Amerika. Die Amerikaner hören doch auch mit dem Auge; wenn da ein Evangelist in der Mitte steht und singt, ist das für sie eine neue und interessante Weise zu musizieren. Der Evangelist wird sozusagen zum „Spiritus Rector“.

Ist das nicht von der Kondition her schwierig?
Ach, die Doppelbelastung ist gar nicht so groß. Man denkt die Musik ja gewissermaßen voraus; die Konzentration ist erhöht, und das macht es einem auch leichter, die Tempovorstellungen auf Chor und Orchester zu übertragen. Es war ganz klar: wenn ich als Evangelist ein Tempo vorgegeben habe, hat das Orchester es ganz mühelos aufgenommen.

Gibt es heute interessante junge Solisten, die Sie aufhorchen lassen?
Ehrlich gesagt: zu wenig. Ich habe immer noch das Gefühl, dass die Sänger nur Stimme zeigen wollen. Ich merke aber bei den jungen Leuten, dass sie keinen Mut haben, sich freizumachen und eine eigene sängerische Persönlichkeit zu zeigen. Klar, es gibt auch ein paar gute Kruzianer, die jetzt nachrücken. Aber alle singen zu brav, gehen zu wenig aus sich heraus!

Welche Anforderungen sehen Sie für junge Sänger?
Wir haben ja einen Riesengenerationswechsel gehabt in den letzten Jahren, und das ist auch gut so. Wir können nicht stehenbleiben. Aber es wird eben immer von den Persönlichkeiten der Sänger abhängen, wie etwas beim Publikum ankommt. Vom einzelnen Musiker hängt es ab, was er aus der Musik macht. Ob er dahintersteht. Der Sänger darf nicht glauben, er sei ein Produzent. Er ist ein Gestalter! Und er muss das Publikum ansprechen können. Bei der Interpretation spielen auch außermusikalische Seelenzustände mit. Die augenblickliche Weltlage kann uns keinesfalls unberührt lassen. Auch so etwas muss ein Sänger reflektieren.

Ihre Gesangskarriere haben Sie beendet; aber werden Sie denn zu Weihnachten heimlich im Familienkreis ein bisschen singen?
Nein, mit dem Singen habe ich nichts mehr im Sinn. So halbe Sachen mag ich auch nicht. Ich höre mir in diesen Tagen einfach viel Musik an, ich habe ja eine Riesen-Plattensammlung. Da komme ich endlich mal dazu, meinen Nachholbedarf zu befriedigen.
Martin Morgenstern



Wiener Zeitung
04.12.2015
"Es gehört Mut dazu, sich zu präsentieren"
Kammersänger Peter Schreier erzählt von seinen Anfängen im Dresdener Kreuzchor und erklärt, wie man eine lange Sängerlaufbahn sinnvoll plant - und welche Ziele er in seinen Meisterklassen verfolgt.
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Bild Zeitung
20.10.2015
Krebsdrama um Sachsens bekanntesten Hund!

Von Dr. Juergen Helfricht
Dresden – Seit Jahren ist sie der treue Vierbeiner von Star-Tenor und Dirigent Peter Schreier (80, „Die Zauberflöte“). Jetzt gibt‘s große Sorge um Penny (9), die Berner Sennenhündin, die deutschlandweit bekannt wurde, als sie Herrchens Zahnprothese fraß.„Unsere Penny hat einen schlimmen Tumor, Gebärmutterkrebs“, sagt Schreiers Ehefrau Renate (80).

Die Hündin, um die sich ein Personaltrainer kümmert, die jedes Jahr ins Ferienhaus auf den Kapverden fliegt, in der Loschwitzer Elbhangvilla ein Luxusleben genießt, machte Schlagzeilen!
Im Alter von sieben Monaten verspeiste sie die nagelneue Schneidezahn-Prothese des Tenors, dachte dies sei ein leckerer Knochen. Jetzt geht es der Hündin zusehends schlecht.

„Die Arme hatte fürchterlichen Durst“, so Frau Schreier. Erst dachte man an Diabetes. Doch dann wurden eine Milchleistenentzündung und der Krebs diagnostiziert. Tierarzt Dr. Gerd-Michael Klemm verordnete Antibiotika gegen die Entzündung und ein Mittel, das den Tumor eindämmen soll. Renate Schreier: „Ich bin immer bei ihr, koche Penny das Hühnchen-Lieblingsgericht. Hoffentlich kommt sie durch, müssen wir sie nicht einschläfern lassen.“

Sie verzichtet sogar darauf, ihren weltberühmten Mann – letzte Woche ehrte ihn Wien per großer Ausstellung, in München gab er jetzt einen Meisterkurs – auf Reisen zu begleiten.

Heute bringt sie das kranke Tier zur Klinik, wo es um die Chancen einer Krebs-OP geht. Renate Schreier: „Danach entscheide ich mit meinem geliebten Mann, was mit unserer Penny wird.“



Sächsische Zeitung 22.09.2015
Seufzet, frohlocket – stehende Ovationen für eine Totenmesse
Peter Schreier dirigiert in einem bewegenden Benefizkonzert Mozarts unvollendetes Requiem und küsst am Ende die Damen.

Das hat es bei einer Totenmesse in Dresdens Kreuzkirche noch nicht gegeben. Statt des gewohnten andächtigen Schweigens nach Mozarts Requiem brausender Beifall der Zuhörer, Füße trampeln, stehende Ovationen. Sie gelten am Sonntagnachmittag vor allem Peter Schreier. Er leitet innig und mit starker Ausstrahlung das Benefizkonzert, dessen Erlös zur Finanzierung der neuen Orgel im Kulturpalast beitragen wird. Die Dresdner Philharmonie und ihr rühriger Förderverein hatten den Künstler, der im Juli 80 wurde, für dieses Projekt gewinnen können, obwohl er eigentlich nicht mehr auftreten wollte. Wie die Leute ihn lieben, zeigten die Schlangen an der Abendkasse. Erst mit fünfzehnminütiger Verspätung konnte das Konzert beginnen.

Schreier wählte für das Konzert Mozarts letztes Werk aus, das unvollendete Requiem. [...]
Für das Konzert stand ihm mit den Musikern der Philharmonie, dem Philharmonischen Chor und vier Solisten ein exquisites Ensemble zur Verfügung. Sopranistin Ute Selbig und Altistin Britta Schwarz sind weltweit gefragte Konzertinterpretinnen und lassen keine Wünsche offen. Ute Selbigs leuchtender Sopran, selbst in schwindelnder Höhe ohne Makel, rückt den Engeln immer näher, wenn der Vergleich gestattet ist.

Auch Schreier ist vom Gesang der Damen entzückt, küsst sie beim Schlussapplaus. Für die Männerpartien holte sich der Dresdner Kammersänger und frühere Kruzianer zwei Interpreten, die ebenfalls durch die Hohe Schule des Kreuzchores gegangen sind. Der renommierte Tenor Eric Stoklassa trägt mit raumfüllenden Tönen zur Qualität der Aufführung bei. Der junge Bariton Sebastian Wartig, unlängst ins Ensemble der Semperoper gerückt, im Opernfach bereits bewährt, hat anfangs einige Schwierigkeiten. Ihm ist die mangelnde Erfahrung im Konzertbereich anzumerken, zum Ende hin wirkt er freier.

Schreier kennt seinen Mozart wie kaum ein anderer. Er dirigiert intensiv, dämpft und betont die schlichte Feierlichkeit des Requiems, dessen Trauer und Trost, Schmerz und Erlösung. Der weiche, dunkle Klang der Musik füllt den weiten Kirchenraum. Schreiers besondere Liebe als Dirigent gilt seit jeher der Chorsinfonik. Der bestens von Gunter Berger einstudierte vierstimmige Chor profitiert davon. Schreier führt sie mit präzisen Einsätzen und aufmunternden Gesten zu toller Leistung. Das knapp einstündige Werk endet bewegend mit der Wiederholung der beiden Eröffnungssätze, dann bricht der Jubel los.
Rainer Kasselt



Neue musikalische Blätter 21.09.2015
Peter Schreier dirigierte Wolfgang Amadeus Mozarts »Ave verum corpus« sowie sein Requiem
Benefizkonzert für die Konzertorgel im Kulturpalast als (vorläufiger) Höhepunkt eines Marathons

Es dürfte kaum ein Platz mehr freigewesen sein am Sonntagabend in der Dresdner Kreuzkirche. Selbst an der Abendkasse hatte sich noch eine lange Schlange gebildet. Warum? Weil es etwas besonderes gab: Peter Schreier, der im Juli seinen 80. Geburtstag gefeiert hatte, dirigierte die Dresdner Philharmonie, den Philharmonischen Chor Dresden sowie vier Solisten. Mozarts Requiem stand auf dem Programm, aber auch seine Motette »Ave verum corpus«. Als Benefizveranstaltung für die Konzertsaalorgel des im Umbau befindlichen Philharmonie-Domizils dürfte der Förderverein seinem Ziel, eine Million Euro für das Instrument zu sammeln, nun (also mit dem Erlös des Konzertes) schon sehr nahe gekommen sein.

Peter Schreier hat in den letzten Jahren immer wieder betont, daß ihm Ausdruck wichtiger sei als »schöne Töne« und er deshalb sogar bereit wäre, unschöne Töne zu riskieren. Diese Erkenntnis bzw. Befreiung habe sich bei ihm erst später eingestellt. Manche der hochgelobten früheren Aufnahmen scheinen ihm offenbar zu »blank«, zu »glatt«. Daß er diesen Gestaltungsgrundsatz ernst meint, konnten sich seine Zuhörer am Sonntag in der Kreuzkirche überzeugen. Energisch und kraftvoll leitete Peter Schreier das Konzert, forderte immer wieder Ausdruck ein.

Den bekam er auch. Ute Selbig (Sopran), Britta Schwarz (Alt), Eric Stoklossa (Tenor) und Sebastian Wartig (Baß) sind allesamt erfahrene Oratorien- und Kirchenmusiksänger, haben schon oft gemeinsam auf der Bühne gestanden. Daß sie dabei eine innere Bindung aufgebaut haben, merkte man deutlich, denn schnell wußte das Quartett diese Verbundenheit und Einheit auch musikalisch umzusetzen. Zart und klar, aber auch mit einer Tragfähigkeit für den ganzen Raum, erklang Ute Selbigs Sopran, warm, geschmeidig und kraftvoll gestaltete Sebastian Wartig das Tuba mirum, wozu die Posaunen erklangen. Dramatisch bebend setzten auch Eric Stoklossa und Britta Schwarz ein.

Auf die »Gefühlsebene«, das Beteiligtsein von Sängern und Zuhörern, hatte Peter Schreier offenbar Wert gelegt. Es ging nicht darum, sich eine Geschichte oder (für einem guten Zweck) Musik anzuhören. Spätestens beim Rex tremendae wurde klar, was Schreier meint, wenn er Ausdruck fordert und die Schönheit zurückstellt. Damit verlieh er den »schrecklichen Gewalten« den Schrecken, den Mozart mit grellen Tönen der Musik eingepflanzt hat. Gleich im anschließenden Recordare führt der »milde Jesus« bereits wieder eine Umkehr herbei, besonders schön gestaltet von Sopran und Tenor.

Die Philharmonie unter Konzertmeister Wolfgang Hentrich spielte mit wenig Vibrato, setzte es vor allem dort ein, wo es die Dramaturgie verlangte. Dadurch klangen die Kontraste um so schärfer, ohne daß Klangmassen auf die Zuhörer eingestürzt wären. So gab es aber trotzdem auch besonders schöne Momente, etwa die Streicher in der sechsten Strophe des Recordare, als sie das um Gnade flehen des Textes sinnig spielten.

Immer wieder fiel diese Besinnung auf den Text auf, wenn sich das Lacrimosa nach leisem Beginn fast bis zum Schrei steigerte, oder wenn das Domine Jesu im Offertorium wie gesprochenes Gebet, wie ein »Vaterunser« klang. [....]

Gunter Berger hatte den Philharmonischen Chor wunderbar präpariert. Daß dieser im Umgang mit dem lateinischen Text weniger versiert ist als zum Beispiel ein Kirchenchor, merkte man an der deutlichen (der Verständlichkeit dienenden) Silbenbetonung, auch manche Intonation war da nicht ganz sicher. Doch auch der Chor war eben dem Credo verpflichtet, daß Gestaltung über Schönheit ginge.
Nicht vergessen werden dürfen die hervorragenden Bläser, die wesentlich zur Atmosphäre beitrugen, aber auch ganz prominente und dramaturgisch aufgeladene Aufgaben hatten.

Peter Schreier hat für ein dichtes, packendes, ergreifendes Konzerterlebnis gesorgt. Die andächtige Ruhe nach dem Requiem wurde durch keinen Laut unterbrochen – wie schön, denn zum Schluß wurde noch einmal das innige und ruhige »Ave verum corpus« wiederholt. Leise, schlicht, brillant. Kaum jemand, der da nicht ergriffen war, da dürfte am Ende niemand mehr gesessen haben.
Wolfram Quellmalz



Kultura Extra
14.09.2015
Peter Schreier (80)
Ein Blog von Andre Solokowski

Die Stimme Peter Schreiers hatte mich die Zeit kurz nach der Pubertät - seitdem ich (15 oder 16jährig) mit Klavier- und Kontrabassstunden begann und musikalisch (also menschlich) nicht nur daher im "Erweckungszustand" war - mein Leben lang begleitet. Als ich den Tenor in 1979 erstmals live ersah - in La clemenza di Tito, der tollen Berghaus-Inszenierung an der Deutschen Staatsoper Berlin - fühlte ich mich gradezu privilegiert; es war nicht selbstverständlich, diesen Weltreisenden ausgerechnet dann an seinem Stammhaus zu "erwischen", wenn man (als Provinzmaus) eine Extratour von Gera/Ostthüringen nach Berlin/Hauptstadt der DDR in enthusiastischster Erquickung unternahm und er also besetzungsplanhaft angekündigt war - es hätte trotz der Vorgewissheit (dass er singen soll) ja auch etwas dazwischen kommen können; auch so Weltstars sind nicht immer stimmlich auf der Idealhöhe... Und trotz dass er dann tatsächlich und live zugegen war, vermerkte der Besetzungszettel eine für ihn weltseltene Indisposition; ja und ich litt und litt mit ihm und drückte ihm die Daumen, dass er tapfer durchhielt.

Zwei Jahre darauf (in 1981) sah ich Schreier dann zum ersten Male dirigieren - wieder in Berlin (an seinem Stammhaus), wieder eine Berghaus-Inszenierung (Idomeneo) - ich erinnere mich noch sehr gut an all die Frische und an all die Schmissigkeit, mit der er Mozarts Partitur schier durchzuwirbeln schien; ja, unvergesslich.

Doch das Beste und das für mich Unvergesslichste kam dann erst 1983 - Schreier sang den Palestrina von Hans Pfitzner [Otmar Suitner hatte ihn und diesen ungeheuerlich betörend-schönen Palestrina, also mit dem Schreier und der Staatskapelle, für die Schallplatte hinüberretten können; das gesamte Großteam führte Pfitzners musikalische Legende 1986/88, als sie an der Staatsoper längst abgespielt war, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt noch einmal auf]; ja und ich war von ihm und dieser Produktion emotional erschüttert bis ins Mark.

Er sprach die Rolle heute - anlässlich der Nachgeburtstagsfeierstunde, die die Staatsoper im Schiller Theater für den Jubilar ausrichtete - ausdrücklich nochmal an und sagte, dass sie für ihn zu den künstlerisch schönsten Ereignissen seiner so langen Ausnahmekarriere zählte. (Jürgen Flimm, der unter all den Anwesenden resp. eingeladenen Geburtstagsgästen wohl als Unbeteiligtster in puncto Peter Schreier gelten musste, flapste dann auch etwa so: "Sie müssen Tausende, ach was sage ich, Hunderttausende Jahre gesungen haben.")

Daniel Barenboim benutzte die Gelegenheit der nachmittäglichen Zusammenkunft, um so an seine eig'ne künstlerische Erstbegegnung mit dem Schreier zu erinnern: Er sprang 1969 für den Dirigenten Otto Klemperer beim Philharmonia Orchestra in der Festival Hall London ein, das Mozart-Requiem stand auf dem Programm, und Barenboim (zu dieser Zeit erst 27 Jahre jung) hatte zuvor noch niemals einen Chor geleitet - Schreier (an der Seite von Lucia Popp, Franz Crass und Yvonne Minton singend) hätte ihm dann, mittels Blickkontakt, einen schier kompliziert scheinenden "Einsatz" hinsichtlich des Benedictus vorgegeben, ja und Barenboim fühlte sich so von ihm "gerettet"; eine schöne Anekdote.

Daniel Barenboim erzählt von seiner künstlerischen Erstbegegnung mit Peter Schreier, was sehr gut bei den Gästen ankommt - ganz besonders gut beim 101jährigen Staatsopern-Altintendanten Hans Pischner.


Renate und Peter Schreier, Hans Pischner

Die Geigerin Susanne Schergaut, die im Namen des Orchesters etwas sagte, tat dann auch an solch eine bizarre Episode kurz erinnern, wonach wohl die Königin von Dänemark, die ein besonders ausgeprägtes Lieblingssängerfaible für den Schreier hegte, ausgerechnet ihn, und zwar nur ihn, als Ferrando in Mozarts Cosi fan tutte erleben wollte - prompt wäre der Startenor, und eigens zu dem Zweck, nach Kopenhagen ausgeflogen worden. Er war freilich immer schon einer der besten Botschafter der DDR im Westen.

Außer Pfitzners Palestrina, aller Haupt-Tenorrollen sämtlicher Mozart-Opern oder Wagners David, Loge, Siegfried-Mime (um nur ein paar wesentliche Bruchteile des Schreier-Repertoires aufzugreifen) war sein sängerisches Weltberühmtsein untrennbar mit deutschem Kunstliedgut und insbesondere mit Schuberts Schöner Müllerin und dessen Winterreise (auch so'n letztes Werk, das er sich erst im reifen Sängeralter zu gestalten vorbehielt) verbunden. Angefangen hatte der in Meißen Geborene jedoch als Kind-Altist beim Dresdner Kreuzchor, 1943, wo er sicherlich auch seine allererste Bach-Erfahrung machen konnte. Jahre und Jahrzehnte später wurde/blieb er der unangefochtenste Evangelist der beiden Bach-Passionen; es gibt mit ihm Dutzende Tondokumente, die seine solistische Entwicklung hiermit auf das Imposanteste belegen. Wie er - erstmals wohl in Dresden mit der dort seit 1548 (!) existierenden Institution der Sächsischen Staatskapelle - in Personalunion die beiden Bach-Passionen sang UND dirigierte, konnte man so in den 1990ern weltweit in echt erleben; ich hatte das Glück, ihn hiermit, quasi "doppelt", im Leipziger Gewandhaus gehört und gesehen zu haben. Es war sensationell!!

2000 sang er seinen Zauberflöte-Tamino letztmals in der Lindenoper, mit der Rolle nahm er seinen endgültigen Abschied von Berlin. Fünf Jahre später sollte er die Winterreise (mit dem Dresdner Streichquartett) erneut auf Tonträger interpretieren - diese singuläre Produktion wurde erst jetzt und also um 10 Jahre zeitversetzt CD-veröffentlicht. Und: Nächsten Sonntag (20. September) wird der Achtzigjährige noch einmal in der Dresdner Kreuzkirche das Mozart-Requiem dirigieren.

Peter Schreier, Ihnen alles Gute!



Berliner Morgenpost
13.09.2015
Peter Schreier, der Evangelist für Generationen
Von Volker Blech

Im Juli wurde Startenor Peter Schreier 80. Dafür huldigt Daniel Barenboim ihm heute in der Staatsoper. Wir haben ihn vorab gesprochen.

"Die Berliner Zeit war für mich eine künstlerisch sehr wertvolle Zeit", sagt Peter Schreier, "es ist schön, dass man mich hier nicht vergessen hat". Der Star-Tenor ist seit zehn Jahren im Ruhestand, Ende Juli hatte er seinen 80. Geburtstag, am heutigen Sonntagnachmittag gratulieren Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin dem Ehrenmitglied der Staatsoper in einer Feierstunde. MDR-Moderatorin Bettina Volksdorf wird ein Gespräch mit dem Kammersänger führen. Er wolle anschließend noch mit einigen Freunden zusammen sitzen, sagt Schreier. Deswegen reist er erst am Montag in seine Heimatstadt Dresden zurück.

Peter Schreier ist 1935 in Meißen geboren, bereits als Zehnjähriger kam er zum Dresdner Kreuzchor, dem weltberühmten Knabenchor. Es war eine Zeit, in der ihm Neugierde und Disziplin antrainiert wurde. Und dort überstand er seine erste künstlerische Krise. Kreuzkantor Rudolf Mauersberger hatte den 19-Jährigen als Evangelisten in Bachs "Matthäus-Passion" eingesetzt. Bereits im zweiten Teil war die Stimme weg, er konnte nur noch sprechen. Daraufhin hat er an der Dresdner Musikhochschule mit einem ordentlichen Gesangsstudium begonnen.

Christlicher Bestseller in einem atheistischen Land
Eine ganze Generation hat Peter Schreier als Evangelisten im Ohr. Es war eine seiner Paraderolle. Mit seinem lyrischen, leicht näselnden Tenor hat er ein bestimmtes Bild des Künders geprägt. Während die Berliner Philharmoniker bei ihrem "Matthäus"-Ritual zuletzt mit Mark Padmore auf einen charismatischen, emotional verwickelten Evangelisten setzten, hat Schreier das Gegenmodell vertreten. Sein Evangelist hatte immer auch etwas Distanziertes und Bewahrendes.

Möglicherweise war das auch seine Rolle in der DDR. Der Kantorensohn und Kruzianer stand immer für eine Tradition, die vergangene Werte beschwor, wohingegen die Gesellschaft offiziell auf einer Zukunftsvision beharrte. Je mehr diese Utopie verblasste, desto stärker wurde auch Schreiers Stimme und das, was er in seiner Kunst verkündete. Schreier hat nie ein Glaubwürdigkeitsproblem gehabt, sein Album "Peter Schreier singt Weihnachtslieder" wurde mit 1,4 Millionen Exemplaren zum meist verkauften Tonträger der DDR. Ein christlicher Bestseller in einem atheistischen Land.

Ohne ihn hätte es das Konzerthaus Berlin nicht gegeben
In Berlin hatte Schreier, der Mittler, lange eine Wohnung gleich am Gendarmenmarkt. Es gibt Insider, die behaupten, ohne ihn hätte es das wieder aufgebaute Konzerthaus gar nicht geben. Von 1984 bis 1990 war er Präsident des "Kuratoriums Schauspielhaus Berlin". Die DDR brauchte international erfolgreiche Künstler wie Peter Schreier (Schauspielhaus Berlin), Bassbariton Theo Adam (Semperoper Dresden) oder Dirigent Kurt Masur (Gewandhaus Leipzig) als Repräsentanten, um westliche Stars in den Osten locken zu können. Das damalige Schauspielhaus war als Konkurrenz zur West-Berliner Philharmonie gedacht. Eigentlich sollte Schreier Intendant werden. Das wollte der Sänger aber nicht. Er habe den Staatschef Erich Honecker davon überzeugt, sagte er einmal, dass es doch besser ein Ökonom macht.

Wer heute mit Peter Schreier spricht, muss zuerst darüber staunen, dass er immer noch dasselbe Timbre in der Stimme hat. Dabei hat Schreier bereits zum 70. Geburtstag mit dem Singen bewusst aufgehört. "Und es auch eingehalten", wie er lächelnd hinzufügt. Viel Zeit verbringt er seither in Jurys und bei Meisterkursen. Dann singe er auch mal etwas an, aber das sei nicht mehr professionell. Schreier wirkt im Gespräch immer noch so geradlinig und von feiner Bescheidenheit, dafür haben ihn seine Fans immer bewundert.

An die Staatsoper Unter den Linden wurde Peter Schreier erstmals 1962 verpflichtet. Sein Belmonte war ein Erfolg. Es begründete seinen Ruf als Mozartsänger. Ein Jahr später gehörte er zum Ensemble des Opernhauses. Er hat alles Mögliche gesungen: Belmonte, Tamino, Ottavio, David, Graf Almaviva, Lenski, Palestrina oder den Alfred in der "Fledermaus". Schreier hatte keine Berührungsängste mit der leichten Muse. An der Staatsoper sei man immer sehr Ensemble-bewusst gewesen. "Der Spielplan war für Sänger komfortabler als heute, sagt Schreier, "aber es gab nicht diese Spitzenvorstellungen, bei denen die Oper viele Spitzensänger engagieren konnte." Das sei zu DDR-Zeiten schon aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen. Schreier reist nach wie vor regelmäßig für Staatsopern-Premieren aus Dresden an, Barenboims "Meistersinger"-Premiere Anfang Oktober hat er schon fest eingeplant.

In der Dresdner Kreuzkirche wird Schreier am nächsten Sonntag ein Benefizkonzert zugunsten der Orgel im neuen Konzertsaal dirigieren. Die Dresdner Philharmonie spielt. Schreier hat auch eine beachtliche Karriere als Dirigent hinter sich. Auch sie geht, sagt er, auf Bachs Evangelisten zurück. Bei Eterna-Aufnahmen, die er selber dirigierte, merkte er, dass der Evangelist eigentlich ein Dirigent des Geschehens ist. Er führt das Orchester an und nimmt Einfluss auf die Reaktionen des Chors. Schreier fühlte sich geradezu ans Pult berufen.

Andere Evangelisten erträgt er nicht
Die Staatskapelle Berlin hat er seit 1970 regelmäßig dirigiert, ebenso das Berliner Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach. An der Staatsoper hat er Aufführungen von Händels "Julius Caesar" und "Alcina", Mozarts "Idomeneo" oder Strauss' "Capriccio" geleitet. Auch die Berliner Philharmoniker hat Schreier auf Einladung von Herbert von Karajan, mit dem er in Salzburg bestens vertraut war, dirigiert. Das war kein Riesenerfolg, sagt Schreier, aber er habe niemanden rausgebracht. Schreier hat eine Weltkarriere hinter sich. An der Staatsoper verabschiedete er sich im Juni 2000 als Tamino. Und zugegeben, als jugendlicher Mozart-Held war er überreif. 2005 hat er in Prag mit Bachs Weihnachtsoratorium seine Laufbahn beendet.

Ob er an Gott glaube? Das wurde Peter Schreier zum 80. Geburtstag gefragt. Er antwortete: "Ja, an Johann Sebastian Bach." Das hat einige irritiert. Aber die würden Bachs Musik nicht kennen. "Für mich ist Bach das A und O meiner Existenz", so Schreier: "Da darf ich schon mal sagen, dass ich an ihn glaube."
Ist es für ihn leicht, anderen Evangelisten zuzuhören? Es gäbe eine Reihe guter Evangelisten, sagt er. "Aber nein", gibt er zu, "es ist nur schwer zu ertragen. Das muss man mir verzeihen. Man hat seine bestimmten Vorstellungen davon. Beim Evangelisten gibt es für mich nur eines, das Publikum zu überzeugen."



Vorarlberger Nachrichten 25.08.2015
Singen so natürlich wie sprechen
Im Meisterkurs bei der Schubertiade gibt Peter Schreier jungen Sängern Anregungen.
Fritz Jurmann

Schwarzenberg. Als Peter Schreier gestern kurz nach zehn Uhr den voll besetzten Kleinen Dorfsaal betritt, brandet ihm eine Welle der Sympathie entgegen. Kein Wunder, die Zuhörer seines Meisterkurses stammen größtenteils aus der Generation 50+, verehren seit Jugendtagen den Jahrhunderttenor aus Sachsen als Idol und haben ihn zuletzt sicher noch aktiv in einem seiner 75 Auftritte vor allem als Liedsänger bei der Schubertiade seit ihrem Gründungsjahr 1976 erlebt, bevor er sich hier 2005 mit 70 Jahren vom Podium verabschiedete.

Kurz nach seinem 80. Geburtstag und einer gut überstandenen Operation ist er bei seinem zweiten Meisterkurs nach 2008 bei diesem Festival fast wieder der Alte, wie er mit sechs aus aller Welt angereisten jungen Sängerinnen und Sängern und deren Pianisten im Alter zwischen 20 und 30 Jahren an der Liedinterpretation arbeitet: freundschaftlich, fast auf Augenhöhe und nicht als gestrenger, unnahbarer Lehrmeister, als die sich hier etwa Elisabeth Schwarzkopf oder Thomas Quasthoff als seine Vorgänger in dieser Funktion gaben. Vor allem aber will Schreier seine lebenslangen Erfahrungen als Liedsänger an die junge Generation weitergeben. Der Text etwa in seiner Verständlichkeit und seiner Ausdeutung war stets ein besonderes Markenzeichen seiner Liedgestaltung: „Es geht darum, als Sänger den Inhalt eines Liedes zu transportieren, so natürlich wie beim Sprechen“, macht er seine Maxime deutlich. „Die jungen Sänger müssen aber auch den individuellen Weg finden, wie sie auf ihr Publikum zugehen, nicht bloß mit schönen Tönen, sondern auch durch Charakter und Persönlichkeit.“

Das klingt für den Außenstehenden kompliziert, wird aber rasch klar, als sich als Erste die deutsche Sopranistin Bettina von Hindte mit Schumanns „Widmung” mutig auf die Bühne wagt. Zwei Töne nur singt sie, schon sagt Schreier: „Stopp! Das ist viel zu laut!“ Nochmals von vorn, vielleicht 20 Mal in dieser halben Stunde, wo es um die Betonung einzelner Wörter und um den Ausdruck geht: „Das wa jetzt schön gesungen“, lobt Schreier und nimmt der Sängerin damit die erste Nervosität, „aber es hat zu wenig Intensität von der Sprache her. Nimmt das Publikum ins Auge, erzähl ihm diese Geschichte!“Schreier spricht den Text von der Seite her unhörbar mit, zerpflückt das Lied nochmals in seine Einzelteile. Die Luft im engen Raum zusehends stickig und heiß, die Akustik ist trocken, keine ideale Bedingungen für angehende Solisten. Doch als von Hindte am Schluss ihr Lied nochmals singt und dabei möglichst alle erarbeiteten Details berücksichtigt, ist auch Schreier zufrieden und es gibt verdienten Applaus für die junge Sängerin.

Heute geht es weiter (noch bis 28. August), mit einem anderen Lied, für jeden Teilnehmer eine halbe Stunde pro Tag. Das lässt erahnen wie lange und schwer der Weg zu Perfektion im Liedgesang ist. Idealfälle wie ein Peter Schreier sind selten wie die Blaue Mauritius.

© M.H. Halberstadt

© M.H. Halberstadt
Peter Schreier: Meisterkurs Schubertiade Schwarzenberg 2015



Musik in Dresden 29.07.2015
»Ich möchte das Leben noch lange genießen«
Von Martin Morgenstern

Peter Schreier, jetzt hat Dresden eine Sängerin als “First Lady”: Su Yeon Hilbert. War das der Grund, warum Sie sich im Wahlkampf für Dirk Hilbert als OB aussprachen?
Na, das macht mir ihn gleich sympathisch. Im Ernst, er hat Helma Orosz würdig vertreten und mit dem Amt Erfahrung. Ich habe ihn gewählt, weil er für mich in vielen Fragen kompetent erscheint und die Sache hier ganz gut über die Zeit gebracht hat. Frau Stange möchte ich als Kunstministerin nicht missen. Dort macht sie eine exzellente Arbeit.


Foto: Kultur in Dresden


Kürzlich sah ich ein Foto: Sie singen, Ihr Vater, Kantor Schreier, am Klavier. Diese Konstellation kennen wohl wenige Ihrer Hörer.

Tatsächlich habe ich mit meinem Vater manches Mal Rollen einstudiert. Hauptsächlich ging das damals ums Rheingold. Ich war in ziemlicher Bedrängnis und musste den Loge lernen. In der kurzen Zeit kann man das einem Korrepetitor gar nicht zumuten. Und da hat mein Vater mit mir gebimst! Er musste das ja auch üben, den Wagner konnte er nicht so ohne weiteres vom Blatt spielen… Sonst habe ich mir aber meistens für die Einstudierungen genügend Zeit genommen, alles peu à peu angegangen.

Im “Turm”-Roman von Uwe Tellkamp habe ich das erste Mal vom schwedischen Tenor Torsten Ralf gelesen, der in Ihrem Geburtsjahr – 1935 – an die Dresdner Staatsoper kam. Später sang er in Berlin, in London, in Wien und unter Fritz Busch auch an der Met. Er muss einen ziemlichen Eindruck auf Sie gemacht haben – schließlich heißen Ihre beiden Söhne Torsten und Ralf nach ihm?
Ich muss zugeben, Torsten Ralf niemals live gehört zu haben. Aber seine Präsenz in Dresden muss beachtlich gewesen sein. Bei der Namensgebung meiner Söhne war dann aber auch ein bisschen Zufall dabei. Wenn man nach einem Namen sucht, geht man ja alle möglichen Versionen durch…

Ist es nicht unfair: das musikalische Dresden wird im “Turm” nur von der Staatskapelle vertreten. Die Philharmonie, das Hausorchester des Kreuzchors, mit der Sie ebenfalls unzählige Male musiziert haben, kommt im Buch nur ein einziges Mal und dann nur nebenher vor.
Ich muss gestehen, den Turm nur in einigen Ausschnitten gelesen zu haben, und da war ich etwas enttäuscht. Die meisten Menschen, die in der DDR gelebt haben, mussten mit den Umständen zurechtkommen. Freunde erzählten mir von Tellkamps Verhalten bei der Buchvorstellung. Da muss er etwas seltsam aufgetreten sein und diese Themen beiseite gewischt haben.

Als jemand, der die DDR nur als Kind kennt, hat mir das Buch nach einem etwas beschwerlichen Einstieg aber auch viele interessante Details beschert. Gerade, was das öffentliche und private Dresdner Musikleben betrifft… Geben Sie dem “Turm” von Tellkamp doch noch eine Chance?
Er hat ja einen Riesenerfolg mit seinem Buch gehabt. Vielleicht komme ich noch einmal dazu, einen Blick hineinzuwerfen.

Sie besitzen eine riesige Plattensammlung. Waren Sie früher auch so ein Technik-Freak wie manche Ihrer Künstlerkollegen? Ich denke an Karajan, an Gould, die von den neuen Medien und Möglichkeiten fasziniert waren…
Ich war eigentlich auch immer auf dem neuesten Stand der Technik, habe mir alles aus Japan mitgebracht. Sogar eine Sammlung Laser Discs, diese großen Silberscheiben, habe ich mal besessen; das habe ich inzwischen alles auf DVD umspielen lassen. Naja, heute bin ich vielleicht ein bisschen hinterher, ich nutze immer noch einen Camcorder. Ja, das hat mich schon interessiert, was man im Tonstudio alles machen konnte. Und dass man heute von einer Schellackplatte eine CD brennen kann, ist doch ein Riesenfortschritt.





Ihr halbes Leben – vierzig Jahre – haben Sie in der DDR verbracht. Ein Land, das in der Erinnerung langsam zu verblassen beginnt. Haben Sie sich manchmal seltsam gefühlt, wenn Sie von Gastspielreisen aus dem nichtsozialistischen Ausland zurückkamen?

Es hat mich schon berührt, vor allem im Umgang mit meinen Freunden. Es war ja immer schwierig, sich zurückzunehmen, wenn man zum Beispiel etwas Schönes erlebt hatte in der Schweiz oder in Österreich. Das meinen Freunden gleich in den schönsten Farben zu erzählen, hatte ich Hemmungen. Das ist für mich übrigens heute noch der entscheidende Punkt, weshalb die DDR unterging: die Leute waren eingesperrt! Man hat mich nur fahren lassen, weil ich ein wichtiges kulturelles Aushängeschild war. Das ging so weit, dass mich Herbert von Karajan beim Zentralkomitee freigeboxt hat für Aufnahmen in Westberlin. Da fühlten sich die Oberen sehr geehrt, dass da ein Herr von Karajan auf einen Mann aus der DDR zurückgriff… Als ich das erste Mal an der Met sang, verlangte die Künstleragentur, dass auf dem Programmzettel “Peter Schreier, DDR” stehen sollte. Der damalige Chef der Met, Rudolf Bing, ein österreichischer Jude, schrieb zurück: Tut mir leid, das kann ich leider nicht machen; dann müssten wir auch “Birgit Nilsson, Schweden” schreiben, und so weiter. Damit war die Sache erledigt.

Mit Ihren Reiseeindrücken: fragten Sie sich da nicht, ob diese Engstirnigkeit zuhause, diese ängstliche Mangelverwaltung, irgendwann implodieren würde? Na, so schlecht war unser tägliches Leben ja gar nicht. Ich habe hier in Dresden früh immer noch mein Butterbrötchen essen können. Und vergessen Sie nicht, zu DDR-Zeiten gab es mehr Freundschaften als heute. Kaum war die Wende da, waren die Freundschaften weg, weil jeder mit sich beschäftigt war.

In der DDR und der UdSSR nahm die klassische Musik im täglichen Leben einen recht hohen Stellenwert ein. Den Künstlern wurde Respekt entgegengebracht. Wie nahmen Sie das nach der Wende wahr?
Ich würde mal so sagen: das Starwesen ist eingezogen nach der Wende. Für die Opernhäuser ist das nicht gut. Die Ensemblemitglieder sind nämlich die Benachteiligten. Insofern hat sich das Ansehen der Künstler schon geändert, auch in den slawischen Ländern. Einer wie Swjatoslaw Richter, der bodenständig war, der hat seine Konzerte im Puschkin-Museum selbst arrangiert, er war mit seiner russischen Kultur regelrecht verwoben. Heute versteht man sich internationaler und ist weniger irgendwo zu Hause.


Schreier-richter, 1985
Swjatoslaw Richter, Peter Schreier, Puschkin Museum, 1985
(Ist an zu klicken!)



Ganz zu Anfang Ihrer Karriere gab es einen Moment, wo Ihre Lehrer Sie überforderten, vielleicht auch Sie selbst sich etwas überschätzt hatten. In der “Matthäus-Passion” in der Kreuzkirche hatten Sie auf einmal keine Stimme mehr.
Dieser “Crash” war schon sehr heilsam. Einmal, weil ich nicht mehr so sehr auf Stimmen von außen geachtet habe. Von Seiten Mauersbergers und seinem Freund Polster wurde mir geraten, kein Hochschulstudium, sondern ein Privatstudium zu machen. Das war eindeutig ein Fehler. An der Hochschule gehören viele andere Dinge dazu, die man im privaten Bereich gar nicht abdecken kann. Den dramatischen Unterricht zum Beispiel. Und Studenten gedeihen ja nur in Gemeinschaft. Man hat Konkurrenz, man weiß, wo man steht. Diese Richtung habe ich dann nach dem Crash eingeschlagen. Das war der einschneidendste Moment in meinem ganzen Sängerleben. Ich habe später nie wieder solche grundlegenden Entscheidungen treffen müssen.

Zum Schluss – was wünschen Sie sich eigentlich zum Geburtstag?
Ich möchte das Leben noch lange genießen. Aber das bestimme ja nicht ich, wie lange es noch geht. Es ist vorbestimmt, wann man diese Erde verlässt.​



Berliner Zeitung
29.07.2015
Erziehung des Herzens
Peter Schreier zum 80. Geburtstag
Von Jan Brachmann

Die Evangelistenpartien der Oratorien Johann Sebastian Bachs machten Peter Schreier weltbekannt. Rollen in Opern sang Schreier außerdem, oft an der Berliner Staatsoper. Am 29. Juli feiert Peter Schreier seinen 80. Geburtstag. Eine Würdigung des großen Tenors, der für Generationen von Sängern ein Beispiel wurde.

Manche Lieder sind ganz schlimm. Sie treffen mitten ins Herz, und hinterher schämt man sich, überlebt zu haben. Denn heftige Gefühle, die kein Opfer fordern, sind sentimental. Der Tenor Peter Schreier aber hat es immer verstanden, solche Lieder zu singen und den Hörer zu treffen, ohne dass man sich schämen muss. Weil nämlich Erschütterungen zum Leben gehören und weil es eine große Leistung ist, ihnen eine Form zu geben, statt sich nur hinreißen zu lassen.

„Die alte Mutter“ aus den „Zigeunerliedern“ op. 55 von Antonín Dvorák ist so ein schlimmes, schönes, ganz gefährlich süßes Lied: „Als die alte Mutter mich noch lehrte singen, sonderbar, dass Tränen ihr am Auge hingen. Jetzt die braunen Wangen netzen mir die Zähren, wenn ich will die Kinder Sang und spielen lehren“. Butterweich und sirupsatt tropft diese Musik in traurig-trauten Quintfallsequenzen herab. Schreier schluchzt nicht mit. Es reicht, dass die ganze Melodik und Harmonik im Wiegenliedsechsachteltakt schluchzt. Er konzentriert sich auf die strenge Durchformung der Gesangsphrase, an deren Ende jeweils ein Quartsprung aufwärts und ein Oktavsprung abwärts stehen.

Kleine Triolen
Blitzsauber gelingt ihm das, ohne Abreißen der Linie, weich im Ton. Mit Präzision, mit Technik als unverbrüchlichem Grund des Ausdrucks, durcheilt er auch die kleinen Triolen aufwärts, die in der zweiten Strophe, den Quartsprung überbrücken. Leicht klingt das, zärtlich, still, hell, nicht rührselig. Diese Tränen haben etwas Beiläufiges, sehr Natürliches. Man nimmt sie hin – wie den Regen.

Vielleicht liegt es daran, dass Peter Schreier auf dem Dorf groß wurde: in Gauernitz bei Meißen. Wer vom Dorf kommt, dem ist Rührseligkeit meist fremd. Sentimentalität gilt als Erfindung der Städter. Vielleicht liegt es auch daran, dass Schreier als Sohn eines Kantors die eigenen Gefühle immer schon durch gute Musik begreifen lernte – erst recht, nachdem er Mitglied des Dresdner Kreuzchores geworden war. Bereits 1943 stand er in der noch unzerstörten Frauenkirche und ließ seine Kinderstimme hören im Eröffnungschor der „Matthäus-Passion“ von Johann Sebastian Bach, beim Choral: „O Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet“.

Im Jahr 1957 sang er dann erstmals die Partie, die er so tief prägen sollte wie kein anderer Sänger neben ihm: den Evangelisten in Bachs „Matthäus-Passion“. Aus dem unbeteiligten Beobachter machte Schreier mit den Jahren einen engagierten Berichterstatter, der durch seine Erzählung Gegenwart werden lässt, wovon er erzählt. Die Deutlichkeit seiner Aussprache bei gleichzeitig packender Malerei der Stimme sind beispielhaft für die Folgegenerationen geworden. Schreier hat es verstanden, den Evangelien-Bericht mit dem Ernst eines Dokuments zu singen, das etwas beglaubigen soll, und sich zugleich mit dem Herzen auf die Nachfolge Jesu in dieser Leidensgeschichte zu begeben. Diese Doppelung, die Autorität eines Textes zu stärken und zugleich die eigene Beteiligung nicht zu verweigern, zeichnet die musikalische Arbeit Schreiers in allen Fällen aus. Sie machte ihn, neben Dietrich Fischer-Dieskau oder Elisabeth Schwarzkopf, zu einem der größten Lied- und Oratoriensänger des zwanzigsten Jahrhunderts.

Weltweiter Ruhm
Auf der Opernbühne war Peter Schreier als Mozart-Tenor zu frühem Ruhm gelangt und ein Export-Künstler der DDR geworden. Der Dirigent Herbert von Karajan überredete ihn, auch Partien von Richard Wagner zu singen. Peter Schreier, dem Dirigenten Otmar Suitner und dem Intendanten der Berliner Staatsoper Hans Pischner war es zu verdanken, dass die Oper „Palestrina“ von Hans Pfitzner in der DDR weiterleben konnte.

Schreier beschränkte sich nicht aufs Singen. Als Dirigent der Kirchenmusik von Bach, Mozart oder Haydn führte er die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis, die er durch seine Begegnungen mit Dirigenten wie Ton Koopman oder Nikolaus Harnoncourt erworben hatte, zusammen mit der Tradition des sächsischen Kantorei-Stils, in der er selbst wurzelt. Chöre beschreiben immer wieder, wie bereichernd und angenehm die Probenarbeit mit ihm ist. Im Dezember 2005 hatte sich Schreier als Sänger von der Öffentlichkeit verabschiedet. Als Dirigent und in öffentlichen Meisterkursen hat man ihn in den letzten Jahren noch ab und an erleben dürfen.
Heute wird dieser singende Denker achtzig Jahre alt.



Sächsische Zeitung 29.07.2015
"Ich singe nicht mal unter der Dusche“
Er liebt die Elblandschaft, kocht gern Eintöpfe und frönt dem Glück eines privaten Landwirts. Heute wird Kammersänger Peter Schreier 80 Jahre alt.

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Die Welt 29.07.15
Das singende Tafelsilber
Klangschönster Tenor nach Fritz Wunderlich: Peter Schreier zum 80.
Von Kai Luehrs-Kaiser

Als der in der DDR lebende Peter Schreier Ende der Sechzigerjahre erstmals bei den Salzburger Osterfestspielen auftrat, kannte er sich mit West-Gagen nicht aus. Karajan, der ihn engagiert hatte, schickte ihn zum Verhandeln zu seinem Assistenten. "Wir saßen und unterhielten uns", so hat es Schreier später erzählt. "Plötzlich ruft seine Sekretärin, und er geht raus. Da fällt mein Blick, wirklich unabsichtlich, auf seinen Schreibtisch. Liegt da doch der Vertrag vom Ridderbusch!" (Gemeint ist der Bass Karl Ridderbusch.) "Und ich sehe, was der für eine Gage bekommt. Da bin ich blass geworden. Und wusste, was ich zu tun hatte."

Unter den wenigen Sängern aus Ostdeutschland, deren Karriere international weite Kreise zog, war der Tenor Peter Schreier der wichtigste – und berückendste. Von den Mozart-Tenorhänflingen war er der keuscheste. Von den Bach-Evangelisten der strahlendste. Von den Wagner-Quereinsteigern der sakralste – und beste. Stets schien seine Vergangenheit als Dresdener Kreuzchor-Knabe reizvoll nachzuklingen. Mit seinem beseelten, weich verchromten und elastisch warmen Ton konnte Schreier Gefühle schildern, die wohlerzogen wirkten – ohne Beiklang von Prüderie oder gar Spießigkeit. Schreier besaß ein gewisses Etwas. Dies schien das Echo eines metaphysischen Grundeinflusses, den er von den alten Meistern seiner Chorvergangenheit her, von Palestrina, Schütz und Bach verinnerlicht hatte.

Von Anfang an war diesem Sänger klar gewesen, dass er mit einer nicht riesigen Stimme haushalten müsse, um vom Opernbetrieb nicht mit Haut und Haaren aufgefressen zu werden. Er ging nicht an ein kleines Haus, wo er frühzeitig große Rollen hätte singen müssen. Sondern an die Berliner Staatsoper, wo er an kleineren Aufgaben kontinuierlich reifen und sich daneben auf sein Lieder- und Oratorienrepertoire konzentrieren konnte. Zunächst wollte man ihn gar nicht in Ost-Berlin (Link: http://www.welt.de/themen/berlin-staedtereise/) . Als 1961 die Mauer gebaut wurde und etliche Künstler drüben blieben, besann man sich aber auf den Mann aus Meißen – für Belmonte in Mozarts "Entführung aus dem Serail". "Plötzlich war ich für die Staatsoper der richtige Mann", so Schreier. Er durfte sogar in Dresden wohnen bleiben. Und blieb dem Haus 40 Jahre treu.

In die internationale Umlaufbahn schoss ihn Josef Krips, der aus San Francisco zurückgekehrte Motor des Mozart-Ensembles in Wien. Auch Karl Böhm förderte den schmalen Mann aus dem Osten. "Nicht schleppen und nicht zu tief singen, das waren für Böhm die Maximen einer gelungenen Ensembleprobe." Schreier war desillusioniert. Erst Herbert von Karajan begann mit dem klangschönsten Tenor seit Fritz Wunderlich dramatisch zu experimentieren. Im "Rheingold" gelang es ihm, Schreiers Mozart-Tenor für die Loge-Partie metallisch zu wappnen, Schreiers David in den "Meistersingern" wurde 1971 zu Recht als eine der wichtigsten Leistungen auf dem Gebiet des Wagner-Gesangs nach dem Krieg gewürdigt. Es war ein Lehrstück eines deutschen Belcanto – dargeboten von einem Sänger, der mit dem italienischen Fach nie etwas am Hut hatte.

Unter Schreiers Liederaufnahmen zählen Schubert, Schumann, Mozart und Brahms zum Besten, was deutsche Sänger hier überhaupt bewirkt haben. Schreier wurde ein DDR-Exportschlager. Daheim erzählte er von seinen Gastspielen wenig. Es war ihm peinlich. Immerhin: "Ich war 25 Jahre hintereinander jeden Sommer in Salzburg. Das war die gesamte Ferienzeit meiner Kinder." Heute wird Peter Schreier, das singende Tafelsilber schlechthin, 80 Jahre alt.


MOPO24 29.07.2015
Heute word der grosse Peter Schreier 80!

Dresden - Geruhsam ging es die Tage für Peter Schreier nicht zu: Fast täglich Interviewanfragen, Dreharbeiten für eine Filmdokumentation über sein Leben und erste Partiturstudien für ein Ausnahmekonzert. Medien und Musikwelt widmen dem Dresdner Jahrhundert-Tenor, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, gerade wieder so viel Aufmerksamkeit wie zu seinen Glanzzeiten.

Berlin Classics präsentiert in einer Box mit acht CDs und einer DVD eine Auswahl Werke, mit denen Peter Schreier Interpretationsgeschichte geschrieben hat. Mehr als 250 Platten und CD-Aufnahmen gehen auf das Konto des legendären lyrischen Tenors vom Loschwitzer Elbhang. Ab 14. Oktober ehrt ihn das Haus Hofmannsthal in Wien mit einer Sonderausstellung. Und in seiner Heimatstadt möchte man die Musiklegende noch einmal auf der großen Bühne sehen.

„Ich habe mich gern überrumpeln lassen“, sagt Peter Schreier, der am 20. September in der Kreuzkirche Mozarts Requiem und im November einen Mendelssohn- und Mozart-Abend im Hygiene-Museum dirigieren wird. Doch das sollen gleichwohl Ausnahmen bleiben. „Der Stress ist mir einfach zu groß, ich war mittlerweile schon sehr an ein stressfreies Leben gewöhnt“, so Schreier, der in den letzten Jahren einige gesundheitliche Hürden zu nehmen hatte, darunter mehrere Bypassoperationen und zwei Schlaganfälle ... „Aber inzwischen fühle mich wieder sehr gut“, sagt der gebürtige Meißner. Er hat sich reichlich Schlaf verordnet und verbringt einen überwiegend ruhigen Alltag zwischen Garten, CD-Sammlung und gelegentlichen Terminen.

Seine rund 3000 CDs sortiert er nach und nach aus, will sie fast alle verschenken. Von der wertvollen Partiturensammlung hat er sich bereits getrennt, die meisten an junge Kapellmeister verschenkt.




Mendelssohn-Haus Leipzig 11.09.2014
"Auf Flügeln des Gesanges..."

Gestern [10.09.2014] fand der diesjährige Meisterkurs für Gesang unter der Leitung von Kammersänger Peter Schreier in einem überfüllten Abschlusskonzert im Gewandhaus zu Leipzig seinen Höhepunkt und damit auch sein Ende. 26 Lieder von Schumann und Mendelssohn entführten das begeisterte Publikum in grüne Auen sowie auf Hexentanzplätze und hinterließen mitsamt der Sangeskunst einen bleibenden Eindruck.



Photos: Mendelssohn-Haus Leipzig


Der größte Dank gilt Herrn Professor Peter Schreier, der im viertägigen Meisterkurs stets darum bemüht war, den Teilnehmern "Flügel des Gesanges" zu verleihen und ihnen damit Wissen, Gefühl und Mut und den Zuhörern einen unvergesslichen Abend bescherte.






Bild
08.06.2014
Der grosse Peter Schreier (78) spricht über den Tod
Ich genieße jeden Tag, als ob’s der letzte wäre

Von Jürgen Helfricht
Dresden. „Ich sauge die Schönheit Sachsens, die Farben der Natur jetzt jeden Tag intensiv ein. Denn ich möchte sie in die andere Welt mitnehmen.“
Es sind die Worte eines großen Künstlers, die nachdenklich stimmen. Peter Schreier (78), der Star-Tenor und Ausnahme-Dirigent, spricht offen wie nie über den Tod.
Nach mehreren Bypässen, einer OP an der Halsschlagader und acht Tagen im Koma im vergangenen Jahr bereitet er sich jetzt noch einmal auf einen großen Auftritt vor. Vielleicht den letzten seiner Weltkarriere. „Ich danke Gott, dass mein Zustand stabil ist“, sagt er zu BILD. „Doch wer weiß, ob ich den nächsten Juni noch erlebe.“

Seit Jahren leidet Schreier an Diabetes, muss sich Insulin spritzen, täglich zehn Tabletten nehmen. Lange Reisen macht der Rücken nicht mehr mit. „Ich fühle mich müde, will den Stress nicht mehr haben“, sagt der Maestro. „Ich habe jetzt lukrative Angebote auf allen Kontinenten abgesagt. Lediglich den Meisterkurs in Leipzig werde ich geben.“

Und die „Schumanniade“, das Festival, an dem sein Herz hängt. Vom 27. bis zum 29. Juni wird Schreier vor sein Publikum treten. „Ich dirigiere selbst, freue mich in der Kirche Kreischa und auf Schloss Reinhardtsgrimma auf Weltstars wie den ungarischen Pianisten, meinen Freund András Schiff, oder die Sopranistin Ute Selbig.“
Die „Schummaniade“ ist Schreiers Kind. Hier führt er vor allem Stücke auf, die Robert Schumann (1810 – 1856) bei seinen Aufenthalten in Dresden und rund um Kreischa sowie Maxen komponierte. Der Maestro lächelt. Es sei die Chance, ihn noch einmal selbst zu erleben.



Sächsische Zeitung
08.04.2014
Peter Schreier liest Briefe in Großenhain
Am Samstag [12.04.] präsentieren Peter Schreier und Camillo Radicke einen Klavierabend mit Lesung in der Aula des BSZ. Die SZ sprach mit dem Kammersänger.

Herr Schreier, Sie gestalten gemeinsam mit Camillo Radicke einen Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Abend. „Lieder mit Worten“ heißt er. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Das ist für mich ein privates Interesse. Die Idee stammt vom Organisten der Kreuzkirche. Herr Radicke und ich setzen sie um. Das ist eine sehr schöne Verbindung, denn die „Lieder ohne Worte“ sind eine Erfindung von Mendelssohn-Bartholdy. Das heißt nicht, dass er die Lieder mit Worten diskriminieren wollte. Er hat sehr viele schöne Lieder geschrieben, die zur Weltliteratur gehören. Aber die „Lieder ohne Worte“ haben auch ihre Berechtigung, sie sind als Übungsstücke gedacht gewesen, und stehen in der großen Klavierliteratur immer ein bisschen im Abseits. An unserem Abend stehen sie im Mittelpunkt. Die Worte dazu stammen aus den Briefen.

Sie lesen Briefe des Komponisten vor, der ein unglaublich fleißiger Briefeschreiber war. Über 5000 seiner Briefe sind überliefert, die in 12 Bänden veröffentlicht werden. Wie haben Sie da eine Auswahl treffen können?

Viele der Briefe haben einen substanziellen Inhalt. Er hat darin sehr viel Bezug genommen auf Kompositionen, auf Begegnungen mit Musikern, es kommen derbe Urteile vor. Für uns sind sie ein Dokument, wie zum Beispiel Bach und Mozart damals verstanden wurden. Für das Programm haben wir uns auf die Korrespondenz zwischen ihm und seiner Schwester Fanny konzentriert. Camillo Radicke hat angegeben, was er spielen möchte, wir haben die Briefe danach ausgewählt. Mendelssohn-Bartholdy hat zum Beispiel in seinen Briefen die Entstehung des „Freischütz“ von Weber verfolgt, dazu haben wir „Lieder ohne Worte“ mit Jagdmotiven herausgesucht. Die Geschwister sind fast gleichalt geworden, Fanny ist ein halbes Jahr vor ihrem Bruder gestorben. Sie hatten ein sehr gutes Verhältnis. Fanny war eine ganz tolle Musikerin, hat schöne Kompositionen geschrieben. Aber wie das in der damaligen Zeit als Frau war: Sie durfte offiziell nicht so gut sein.

Ist das ein Thema der Briefe gewesen?

Ja. Auf der einen Seite mochte der Felix ihre Kompositionen sehr, auf der anderen Seite hat er aber auch dafür gesorgt, dass sie nicht gedruckt wurden. In einigen Fällen hat er sich sogar als Komponist von Stücken ausgegeben, die von seiner Schwester stammen. Ich habe selbst einige Lieder von ihr gesungen. Sie sind kaum zu unterscheiden von seinen Liedern.

Was verbindet Sie persönlich mit dem Komponisten?

Als Liedersänger kommt man um Felix Mendelssohn-Bartholdy gar nicht herum. Er hat ganz fantastische Lieder geschrieben, die im 19. Jahrhundert verkannt worden sind. Man hat sie als plakativ bezeichnet. Lieder wie „Leise zieht durch mein Gemüt“ sind geradezu Volkslieder geworden. Die Liedtexte volkstümlich zu komponieren, war eine seiner großen Stärken. Ich bin aber auch sonst ein großer Mendelssohnanhänger. Seine zwölf Streicher-Sinfonien finde ich ganz fantastisch.

Vor acht Jahren haben Sie Ihre professionelle Sängerkarriere beendet. Singen Sie zu Hause manchmal?

Kaum. Nur, um mein Gedächtnis zu überprüfen. Dann singe ich die Evangelisten, ein Stück aus der Matthäus-Passion, weil ich wissen möchte, ob ich die noch drauf habe. Das geht ganz gut.

2013 waren Sie schwer krank, hatten eine doppelseitige Lungenentzündung, zwei Schlaganfälle, lagen einige Tage im Koma. Geht es ihnen wieder gut?

Der Kopf ist wieder fit. Mit den Beinen habe ich noch Probleme. Die muss man natürlich selbst bearbeiten, in dem man viel Physiotherapie macht. Nur so bekommt man das wieder hin. Meine Konsequenz ist da nicht so toll, aber jetzt geht es wieder los.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.



Freie Presse
26.04.2014
Mozart hat er am liebsten gesungen
Lichtenwalde. Ein Hauch von Geschichte durchwehte am Donnerstagabend den Wintergarten des Restaurants "Vitzthum" im Schloss Lichtenwalde. Innerhalb der Veranstaltungsreihe "Zu Gast im Schloss" hatte Dietmar Keller als Gesprächspartner den Dresdner Peter Schreier als Gesprächspartner. Über eine Stunde erzählte der weltbekannte Tenor und Dirigent aus seinem Leben, Dietmar Keller erwies sich vor 130 Zuhörern dabei als belesener und zurückhaltender Fragesteller, der seinem Gast genügend Raum und Zeit ließ, zurückzublicken auf eine höchst erfolgreiche Karriere.

Peter Schreier - rund 300 Schallplatten wurden mit ihm aufgenommen, darunter "Peter Schreier singt Weihnachtslieder", die mit rund 1,4 Millionen der mit Abstand meistverkaufte Tonträger der DDR war. Schreier ist ein Weltstar. Er hat an den berühmtesten Opernhäusern der Welt gesungen, mit Dirigenten wie Herbert von Karajan zusammengearbeitet. Und kam doch aus der kleinen DDR, aus Dresden, wo im Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger der Grundstein für eine beeindruckende Karriere gelegt wurde. Schreier ist Nationalpreisträger der DDR, Träger des Bundesverdienstkreuzes, ihm wurde dreimal der Titel Kammersänger verliehen, seit 1981 ist er Honorarprofessor für Gesang. Mit welchem Titel er denn am liebsten angeredet werden möchte, wollte Dietmar Keller gleich zu Beginn wissen.

"Ich lege keinen Wert auf Titel, mein Name reicht mir", antwortete Peter Schreier. Der Dresdner erinnerte sich auch an die "Zäsur meines Lebens", als er mit 19 Jahren den Evangelisten in der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach singen sollte. In "seiner" Kreuzkirche in Dresden. "Es ging einfach nicht, meine Stimme hatte versagt. 14 Tage zuvor hatte ich den Evangelisten in Bremen gesungen, ohne Probleme. Aber in Dresden, in der fast fertig wieder aufgebauten Kreuzkirche hatte mich meine Stimme im Stich gelassen", erzählte der 78-Jährige. Solch eine Partie zu singen, sei auch nichts für einen 19-Jährigen. Dafür sei mehr Lebenserfahrung nötig.
Und Peter Schreier erzählte wortgewandt von seinen Reisen zu den großen Opernhäusern dieser Welt, von Tourneen nach Japan und wie ihn der damalige österreichische Bundespräsident einmal erstaunt fragte "Ach, Herr Kammersänger, Sie kommen aus der DDR?" Überhaupt Österreich und die Österreicher: Schreier hat mit vielen Rollen in Mozartopern reüssiert, und Mozart hat er am liebsten gesungen.

Was er davon halte, dass viele Sänger auch im Alter noch auftreten und singen, setzte Dietmar Keller an und wurde von Schreier gleich unterbrochen: "Gar nichts. Das ist oft Mitleid nach dem Motto ,Ach, wie schön hat der früher gesungen'", sagte Peter Schreier. "Ich lebe heute von den Erinnerungen, habe dabei aber nicht das Gefühl der Wehmut."




Peter Schreier in Chemnitz - 12/2013
Peter Schreier in Chemnitz, 12/2013




Sächsische Zeitung 04.12.2013
Peter Schreier frohlocket wieder
Neun Monate nach Schlaganfall und Koma ist der Dresdner Musiker wieder fit. Er dirigiert mehrfach seinen Bach-Liebling – das Weihnachtsoratorium.

Peter Schreier hat ein cooles Auto mit vielen technischen Raffinessen. Und mit dem ist er in den nächsten Tagen auf den Autobahnen viel unterwegs. Unmöglich, werden seine Fans sagen, der Dresdner Musiker sei doch nach Schlaganfällen und Koma im Frühjahr noch zu schwach. Als er im Juni in Leipzig den Bach-Preis erhielt, konnte er kaum laufen. Auch beim Kreuzchor-Gespräch mit dem Dresdner Ex-OB Wolfgang Berghofer im September war er noch angeschlagen.

Peter Schreier-2013 Das ist vorbei. Der 78-Jährige wird sein sportlich-elegantes Stern-Mobil auf der A4 und A9 ordentlich beschleunigen.

Er ist wieder fit. Zwar quäle ihn noch immer regelmäßig eine sympathische Physiotherapeutin, aber „das tut mir gut“. Treppensteigen ist längst kein Problem mehr, „nur das Aufstehen – das aber sicher altersbedingt“.

Am Wochenende wird er endlich wieder das tun, wofür ihn die Musikwelt seit Jahrzehnten liebt. Er interpretiert Bachs Weihnachtsoratorium (WO), das herrlich mit „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“ beginnt. Als Sänger und Dirigent hat er jenes Werk wie kein anderer geprägt. Letztmals gesungen hat er es als unerreichter Evangelist 2005. Seitdem dirigiert er es, wie jetzt in Chemnitz, im Erzgebirge und in München mit dem Dresdner Kammerchor sowie den Barockorchestern von Chemnitz und Dresden. „Ich freue mich drauf, auch, weil die Künstler der Kammerensembles immer so lust- und spannungsvoll aus eigenem Antrieb mitmachen.“

In der Chemnitzer Kreuzkirche sind am Sonnabend sogar alle sechs Teile des WOs geplant. Schafft er das konditionell? „Ja, es ist ein Abenteuer. Aber, ich erlaube mir keine Marscherleichterung – ich dirigiere meinen Bach natürlich im Stehen.“ B.K.



Freie Presse
04.12.2013
"Jauchzet frohlocket" zum Jubiläum
Ekkehard Hering, Leiter des Chemnitzer Barockorchesters, über das Konzert am Samstag [07.12.] mit Peter Schreier und dem Dresdner Kammerchor

Das zehnjährige Bestehen des Chemnitzer Barockorchesters wird mit drei Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach gefeiert, eine davon in Chemnitz. Wie bekommt man dafür eine Bestbesetzung mit dem Dirigenten Peter Schreier und dem Dresdner Kammerchor? Marianne Schultz fragte den Leiter Ekkehard Hering.

Freie Presse: Sie arbeiten nicht zum ersten Mal mit Peter Schreier zusammen. Welche Haltung fordert er ein?
Ekkehard Hering: Er ist eine Ikone - nicht nur im Osten. Mit seiner Stimme verbindet fast jeder die großen Tenor-Partien von Bach und Mozart. Er ist als Musiker ein Vorbild, übt bis heute eine Faszination auf ganze Generationen aus. Es ist spannend, mit ihm als Dirigenten zu arbeiten. Da gibt es Reibungsflächen, wenn wir unsere Interpretationsvorstellungen zusammenbringen. Das Orchester brennt darauf, mit ihm zu arbeiten.

Wie dürfen wir uns eine Probe mit Peter Schreier vorstellen?
Es geht sofort zur Sache, er hat genaue Vorstellungen. Schwatzen und Handyspielen geht überhaupt nicht. Er macht Ansagen und erwartet schnelle Fortschritte. Seine Blicke sagen alles. Ein Künstler wie Schreier ist es gewohnt, auf hohem Niveau zu arbeiten. [....]



Reutlinger Nachrichten 09.10.2013
Schön singen reicht nicht!

Bad Urach. Eine lebende Tenor-Legende: Peter Schreier leitet den Meisterkurs für Gesang im Bad Uracher Musikherbst. Bei einer öffentlichen Probe im Bürgerhaus macht er den Schülern klar: "Schön singen reicht nicht!"

Auch einige Sängerkollegen saßen im Publikum, die aufmerksam verfolgten, wie der berühmte Tenor die teilweise von weit her angereisten Meisterschüler zu besserem Liedvortrag anregte. "Unterrichten" wäre das falsche Wort. "Ich möchte ihnen Möglichkeiten eröffnen, wie man Lieder interpretieren kann", umschrieb der heute 78-Jährige seine Aufgabe. "Es ist unwichtig, Stimme zu zeigen. Schön singen reicht nicht! Es geht darum, den Inhalt der Lieder so zu vermitteln, dass jeder sich in Bild vom Inhalt machen kann."

Peter Schreier

Das ist großteils eine Frage der Sprache - eine schwierige Aufgabe für die junge Opernsängerin aus Australien oder den passionierten Sänger aus USA. Sie sind fasziniert vom deutschen Kunstlied, haben extra deshalb deutsch gelernt und sind mit Schubert-Liedern im Gepäck zu Peter Schreier gereist, um sich von ihm als ausgewiesenem Meister dieses Faches in die Feinheiten der Liedgestaltung einweisen (und einweihen) zu lassen. Beide sind geübte Sänger, dennoch nehmen sie die sachliche, doch deutliche Kritik des Meisters geduldig an. Genauso unermüdlich widmet sich Peter Schreier der Analyse des Gehörten und den praktischen Hinweisen, die das Können des Einzelnen im Blick haben, ebenso aufmerksam und ausdauernd assistiert von Henning Lucius am Flügel, seines Zeichens Dozent für Liedgestaltung in Rostock.

Über Stimme verfügen die aufs Podium tretenden Schüler ohnehin. Den stimmgewaltigen Sänger aus den USA kennt Schreier schon länger: "Ein Besessener! Er will unbedingt ins Schubert-Lied eindringen, er lässt sich einfach nicht abschütteln." Dieser hat Schuberts Lied "Der Zwerg" vorbereitet, ein düsteres Stück mit tödlichem Ausgang. Hier steht noch viel Arbeit bei der Aussprache an, außerdem müssen die fest eingeschliffenen, klischeehaften Angewohnheiten in mühsamer Kleinarbeit korrigiert werden. "Das passt nicht hierher, das ist Operette!" erklärt Schreier, mahnt "Weniger Gas!", spricht vor, lässt sprechen und fordert immer wieder zu Deutlichkeit auf: "Brings auf den Punkt!"

Es ist nicht damit getan, den Text zu verstehen und korrekt auszusprechen. Das kann beispielsweise die blonde australische Opernsängerin mit der professionell geschulten Stimme (Yvette Litchfield) sehr gut. Was ihr noch fehlt, und was sie an Franz Schuberts Goethe-Vertonung "Ganymed" üben will, ist die hohe Schule der Liedgestaltung, unter anderem mit Hilfe von Tricks, mit denen gute Sänger das Ohr kitzeln und bezaubern.

"Man muss kleine Überraschungen schaffen, die das Ohr des Hörers anregen, das eben eingeschlafen war", weiß Schreier. Wie? Indem man etwa die Aussprache des "sch" in "unendliche Schöne", den Anlaut von "Wonne" oder "deine Blumen" bewusst vorbereitet und auf eine spezielle Art heraushebt. Das wird geübt. Zudem muss sich die Stimmung dem Text anpassen: hier genüssliche Ruhe, dort atemlose Aufregung.

Auch die "ganz große Leidenschaft", mit der Götterliebling Ganymed sich dem Göttlichen hingibt, muss dem Zuhörer vermittelt werden. "Frühling, Geliebter! Das ist Ekstase! Expressiver bitte, aber nicht lauter!" Wenn das so einfach wäre! Wie oft sie wohl "Alliebender Vater" wiederholt hat?

Im Gegenzug fragt die Sängerin immer wieder den älteren Ratgeber, ob sie dies oder jenes nicht allzu übertrieben ausspreche. "Du kannst nie genug machen", antwortet dieser, "es ist nie zuviel!"
Susanne Eckstein



Sächsische Zeitung 09.09.2013
Die Kruzianer feiern Martin Flämig, den Kreuzkantor der Wende-Zeit.
Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer und Tenor Peter Schreier verneigen sich

[.....] Flämig wäre am 19. August 100 Jahre alt geworden. Anlass, ihn nun zu würdigen – mit einer Vesper und einem Gespräch in der Reihe „Kruzianern begegnen“. Zu diesem Talk, dem sonst vielleicht 150 lauschen, blieb das Kirchenschiff am Sonnabend voll. Mit Peter Schreier saß der zweifelsfrei erfolgreichste Kruzianer auf dem Podium. Nach überstandener Krankheit zwar langsam beim Gehen, aber klar in den Worten. Er kannte den Jubilar nicht mehr als Chormitglied, aber er verdanke ihm, dass er nach einer desaströsen Überforderung der Stimme überhaupt wieder zum Singen fand. Peter Schreier ist eben ein Mensch, der sofort alle Sympathien hat. [....]

Immer wieder gibt es den Vorwurf, der schon sehr betagte Kantor habe die Jungs zu wenig musikalisch vorangebracht. Peter Schreier widersprach nicht, obwohl Flämig das kirchlich dominierte Chorrepertoire deutlich und auch um weltliche Komponisten erweitert hatte. Vor allem der Zweitjob des Kantors in der Schweiz habe sicher die Probenarbeit in Dresden beeinträchtigt. „Aber er hat den Kreuzchor in diesen Zeiten zusammengehalten. Nur das zählt!“ [....]. B.K.


Peter Schreier: Kreuzkirche (l) und Mendelssohn-Haus (r)



Leipziger Volkszeitung 05.09.2013
Ausdruck und Persönlichkeit
Peter Schreier und seine Meisterklasse präsentieren heute Abend im Gewandhaus die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit

„Singen könnt ihr ja alle irgendwie, aber es kommt auch auf den Ausdruck an und wie ihr eure eigene Persönlichkeit einbringt“, bemerkt Peter Schreier (78) mit ausladenden Gesten zwischen zwei Einsätzen seines Meisterkurs.

Für drei Tage sind fünf professionelle Musikerpaare verschiedenster Nationalitäten angereist, um mit dem international renommierten Tenor und Dirigenten im Leipziger Wohnhaus von Felix Mendelssohn zu arbeiten. Jürgen Ernst, Leiter des Mendelssohn-Hauses empfindet dies als große Ehre: „Am authentischen Ort mit dem Weltstar und Mendelssohn-Preisträger Peter Schreier den musikalischen Gedanken Mendelssohns, das heißt das Vermitteln von Musik, aufheben zu lassen, ist großartig.“ Dafür haben die Sänger und Pianisten ein Repertoire aus Liedern von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Robert Schumann einstudiert, das sie in gemeinsamen Stunden mit Schreier perfektionieren. Der Fokus liegt dabei auf der Interpretation: Nicht so übertrieben, leiser, zorniger, deutlicher lauten die Anweisungen Schreiers, während er die Lieder durchlebt und mit den Armen rudert, wenn ein Stück den Höhepunkt erreicht. Die Schüler hingegen scheinen hochkonzentriert an Schreiers Lippen zu hängen und erstaunlich schnell gelingt es ihnen, die Ratschläge umzusetzen. In einem Abschlusskonzert präsentieren sie ihre Ergebnisse heute Abend im Gewandhaus.
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Ronald Gonsalves 06.2013
Bach-Medaille für Peter Schreier

Am Freitag den 21. Juni 2013 wurde im Festsaal des Alten Rathauses in Leipzig durch den Oberbürgermeister Burkhard Jung, die Bach-Medaille der Stadt Leipzig an Peter Schreier übergeben.

In der Jury-Begründung hiess es: "Mit Peter Schreier ehren wir einen außerordentlich vielseitigen Künstler. (…) Seine Interpretationen der Bachschen Evangelistenpartien zählen zu den Meilensteinen der Bach-Interpretation des 20. Jahrhunderts. Als Dirigent von Bachs Passionen, des Weihnachts-Oratoriums und verschiedener Orchesterwerke hat er gleichfalls Maßstäbe gesetzt. In Zeiten geteilter politischer und musikalischer Welten war Schreier ein beeindruckender Botschafter und Brückenbauer zwischen Ost und West."

Olaf Bär, Sänger-Kollege und Freund Schreiers, sprach eine sehr persönliche Laudatio, das Quartett Opella Musica sang Motetten von Schein, Schütz und Bach. Nach der Verlesung der Urkunde durch den Direktor des Bach-Archivs Leipzig, Christoph Wolff und der Verleihung der Medaille (aus Meissner Porzellan) sprach Peter Schreier, sichtbar bewegt aber mit fester Stimme, ein kurzes Dankwort in dem er u.A. sagte: "Mein Leben war vom 10. Lebensjahr an von Bach beherrscht.(...) Ich siehe diese Ehrung als die Krönung meiner Bach-Arbeit an."
Die Anwesenden dankten ihm mit einem sehr langen Applaus.





Sächsische Zeitung 22.06.2013
Erster Auftritt nach dem Koma
Peter Schreier erhält den Bach-Preis. Das ist überfällig, schließlich gilt der Dresdner als Top-Interpret des Komponisten.

Von Bernd Klempnow
Der Prophet gelte nichts im eigenen Lande, so heißt es. Zumindest war das lange so in Leipzig. Denn dort wird jährlich der Bach-Preis vergeben, und viele mehr oder minder bedeutende Experten haben ihn bekommen – nur der wichtigste Bach-Interpret des 20. Jahrhunderts bislang nicht. Seit Freitagnachmittag ist diese Peinlichkeit Geschichte. Bei einem Festakt im Alten Rathaus erhielt Peter Schreier den Preis in Form einer Meissener Medaille mit dem Porträt Johann Sebastians.

Peter Schreier & Burkhard Jung

Lobende Worte gab es für den Dresdner Musiker: Speziell seine Interpretationen der Bach'schen Evangelisten-Partien seien Meilensteine gewesen, würdigte man den Tenor, der 2005 seine Sängerkarriere beendet hatte. Seine dirigentischen Leistungen bei der Leitung von Passionen und Oratorien des Leipziger Komponisten hätten weltweit Maßstäbe gesetzt. Der 77-Jährige dankte gerührt für „die große Ehre“.

Nun hat Schreier so ziemlich alle Musik-Preise von Rang, darunter den Bach-Preis der Royal Academy of Music London. Trotzdem war der Leipziger Festakt für ihn ein besonderer. Es war der erste öffentliche Auftritt nach seiner überstandenen lebensbedrohlichen Erkrankung. Bis Mitte dieser Woche weilte er noch zur Reha, wo er wieder laufen lernte und Kräfte aufbaute.

Auch am Freitag war er noch sichtbar schwach. Immerhin geht es ihm allmählich besser, was er selbst als „ein Wunder“ bezeichnet. Der Star war Anfang März nach einem Urlaub auf den Kapverden zusammengebrochen. Als man ihn ins Krankenhaus brachte, zog er sich eine doppelseitige Lungenentzündung zu, erlitt zwei Schlaganfälle und fiel zeitweise ins Koma.

So bedeutete der Leipziger Bach-Preis – so fast beleidigend überfällig er war – für den Musiker eine starke Motivation während der Reha. Peter Schreier wollte die Auszeichnung unbedingt selbst in der Stadt des von ihm geschätzten Thomaskantors entgegennehmen.

Erst im Oktober stehen wieder Arbeitstermine an. Lied-Wettbewerbe und Meisterkurse sind unter anderem in München geplant. Bis dahin will es Peter Schreier ruhig angehen und dabei sicher seinem neuen Hobby beim Gedeihen zusehen. Um sein Sommerhaus in Kreischa wachsen nämlich neuerdings Reben.



Bild 27.05.2013
Peter Schreier: Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe
Jürgen Helfricht
Dresden/Pirna – Ein Mann tastet sich langsam zurück ins Leben: Star-Tenor und Dirigent Prof. Peter Schreier (77)!

Schreier: „Es grenzt an ein Wunder, dass ich alles gut überstand, mich wieder bewegen und sprechen kann. Meine Familie rechnete bereits mit dem Schlimmsten.“

Alles begann mit der Rückkehr von seinem Haus auf den Kapverden (Afrika). Schreier: „Ich fühlte mich schon auf dem Flug schlapp. Am 10. März kam ich nicht mehr aus dem Bett.“ Der Rettungsdienst brachte ihn ins Uni-Klinikum, wo auf Intensiv- und Wachkomastation eine Odyssee begann. Schreier: „Nach einer doppelseitigen Lungenentzündung folgten zwei Schlaganfälle, ich fiel ins Koma und wurde künstlich ernährt.“

Wochenlang kämpften die besten Professoren wie Nephrologe Christian Hugo (49), Chef- und Oberärzte um sein Leben. Schreier: „An das Koma habe ich keine Erinnerung. Nur an die Zeit danach. Da war mir alles egal. Doch plötzlich besserten sich die Werte. Es leuchteten wieder die Augen meiner lieben Frau Renate, meines Bruders und der Söhne, die mich am Krankenbett besuchten.“

Peter Schreier, Bavaria-Klinik, Kreischa, 05.13

Schreier weiter: „Ich habe 20 Kilo abgenommen. In der Bavaria-Klinik werde ich bestens umsorgt. Erste Schritte kann ich schon wieder allein laufen. Jeden Tag wird es besser und Fußball gucken im TV macht auch wieder Spaß.“

Seine große Hoffnung: „Dass ich am 21. Juni so fit bin, den Bach-Preis der Stadt Leipzig in Empfang nehmen zu können.“


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